Das schaffte gegen Arsenal zuletzt Jürgen Klopps FC Liverpool: Brighton & Hove Albion ist in der Premier League die Mannschaft der Stunde | Goal.com Deutschland

"Es gab heute nur eine Mannschaft, die versucht hat, Fußball zu spielen", erklärte ein sichtlich angefressener Fabian Hürzeler Anfang März auf der Pressekonferenz nach dem Spiel seines Teams gegen den FC Arsenal. Mit seiner Analyse lag der Coach von Brighton & Hove Albion dabei keineswegs verkehrt. Schließlich waren die Seagulls im Duell mit den Gunners über beinahe die komplette Spielzeit hinweg die deutlich überlegene und dominierende Mannschaft.
Lediglich mit einem eigenen Treffer hatte man sich nicht belohnt, weshalb am Ende eine 0:1-Niederlage auf der Anzeigetafel stand. In quasi jeder relevanten Statistik kaufte Brighton den Londonern den Schneid ab. Hürzelers Mannschaft verpasste es jedoch, die zahlreichen Chancen in Zählbares umzumünzen. Eine Einzelaktion von Arsenal-Star Bukayo Saka, begünstigt durch einen bösen Patzer von Brightons Schlussmann Bart Verbruggen, machte letztlich den Unterschied und reichte den Gunners zum knappen Sieg.
Bei einer nüchternen Spielanalyse wollte es Hürzeler nach Abpfiff allerdings keineswegs belassen. Mit deutlichen Worten griff er die Art und Weise an, wie Arsenal-Trainer Mikel Arteta mit dessen Londoner Star-Ensemble Fußball denke und spielen lasse. Er betonte, wie sehr konträr dies zum Bild eines nominell deutlich überlegenen Spitzenreiters der Premier League stehe.
"Ich werde niemals ein Trainer sein, der versuchen wird, so zu gewinnen. Wenn sie Meister werden, wird niemand fragen, wie sie es gemacht haben. Man spürt wirklich, dass sie alles tun, um zu gewinnen", erklärte der Deutsche und fügte gegenüber den anwesenden Journalisten fragend hinzu: "Wenn ich alle hier im Raum fragen würde: 'Hat Ihnen dieses Fußballspiel wirklich gefallen?', würde vielleicht einer den Arm heben, weil er ein riesiger Arsenal-Fan ist. Aber ansonsten ganz sicher niemand."
Welchen Fußball Hürzeler seinerseits wiederum gerne spielen lassen möchte, das konnte man schon damals in Ansätzen erahnen. Im Sommer 2024 hatte der 33-Jährige die Geschicke bei den Seagulls übernommen und war von den Klub-Bossen direkt mit einem langfristigen Vertrag über fünf Jahre ausgestattet worden - wohl wissend, dass es einige Zeit dauern würde, bis sich seine Handschrift im Spiel auf dem Rasen verfestigen würde. Unter der Regie des Deutschen ist die stetige Entwicklung Brightons seitdem allerdings nicht von der Hand zu weisen.
Während sich zu Beginn von Hürzelers Amtszeit die Hintermannschaft noch als klare Achillesferse entpuppte und man reihenweise Abreibungen von spielerisch überlegenen Gegnern kassierte, ist es dem Coach mit der Zeit immer besser gelungen, eine funktionierende Balance zwischen Offensive und Defensive zu finden.
Wie das in beinahe makelloser Umsetzung auf dem Spielfeld aussehen kann, durfte am vergangenen Wochenende - ausgerechnet - der FC Arsenal am eigenen Leib erfahren. Mit 3:0 fegte Brighton den bis dato noch ungeschlagenen Tabellenführer aus dem Falmer Stadium, wobei Hürzelers Mannschaft eine spielerische und vor allem taktische Meisterleistung an den Tag legte.
Von der ersten Spielminute an setzten die Seagulls die Londoner mit maximal aggressivem Pressing unter Druck und sorgten folglich dafür, dass die Gunners ihr auf Ballbesitz und Kontrolle ausgelegtes Spiel zu keinem Zeitpunkt umgesetzt bekamen. Dabei attackierte Brightons Offensivreihe die Defensivspieler des FC Arsenal teilweise schon am eigenen Sechzehner. Äußerst klug wurden einfache Passwege zugestellt, ballführende Spieler in Überzahl aggressiv angelaufen und schließlich, wenn für die Gunners nur noch der lange Ball nach vorne als Option blieb, die Kugel mit cleverem Positionsspiel schnell zurückerobert.
Alleine Arsenals Keeper David Raya brachte in den ersten 15 Spielminuten drei seiner sieben Zuspiele nicht an den eigenen Mann, weil Brighton den Spanier einerseits immer wieder aktiv unter Druck setzte und andererseits für Überzahl im Zentrum sorgte, sodass für diesen oftmals nur ein Pass zur Seite auf die ebenfalls zugestellten Außenverteidiger Jurrien Timber und Riccardo Calafiori oder ein unkontrollierter Ball gen Mittelkreis möglich war.
Insgesamt neun Balleroberungen im letzten Drittel waren die Folge - die höchste Anzahl eines Arsenal-Gegners seit dem FC Liverpool im Dezember 2023 (ebenfalls neun). Überhaupt gelangen Brighton im laufenden Wettbewerb schon 35 Balleroberungen im letzten Drittel - acht mehr als dem FC Everton, der in dieser Statistik auf Platz zwei aller Premier-League-Teams landet.
"Entscheidend war, dass jeder Spieler, wenn er in einen Zweikampf ging, immer das Gefühl hatte, dass einer seiner Teamkollegen hinter ihm stand", meinte Hürzeler, der seine Mannschaft in höchsten Tönen für die fehlerfreie Umsetzung seines taktischen Konzepts lobte. "Wenn ein Spieler überlaufen wurde, war der nächste (Teamkollege) zur Stelle. Die Frage ist: Kann man sich auf dem Platz aufeinander verlassen? Vertraut man sich gegenseitig? Kennt jeder seine Rolle bei Standardsituationen? Bist du immer in jeder Situation und in jedem Moment des Spiels wach und voll da?"
Nach dem Sieg gegen Arsenal stellt Brighton nun die beste Offensive der Liga. Nach fünf Spielen stehen die Seagulls bei schon 16 Toren - in der Geschichte der Premier League erzielte nur Manchester City in der Saison 2022/23 mehr Treffer (19) an den ersten fünf Spieltagen.
Darüber hinaus wirkt sich die Herangehensweise des Brighton-Trainers auch auf die Defensive positiv aus. In den bisherigen acht Pflichtspielen behielt Brighton schon zum fünften Mal eine Weiße Weste. In der vergangenen Spielzeit hatte man noch doppelt so viele Anläufe gebraucht, um die Marke von fünf Zu-Null-Spielen zu erzielen. "Das Wichtigste ist es, hinten keine Tore zuzulassen", meinte Hürzeler.
Diesem Umstand zollte auch Arsenals Coach Arteta Respekt. "Bereits beim ersten Einwurf" wurde sich der Spanier des extremen Pressings Brightons bewusst. "Die technischen Fehler in unserer eigenen Hälfte; wir haben keine der Spielprinzipien beachtet, die man einhalten muss, um aus solchen Mann-gegen-Mann-Situationen herauszukommen. Wir waren ständig in der Defensive", sagte Arteta.
Über die vergangenen Transferfenster hat sich Hürzeler Stück für Stück ein Team zusammengebastelt, das exakt auf sein Anforderungsprofil abgestimmt ist. Mit dem vom VfB Stuttgart kurz vor Transferschluss verpflichteten Chema Andres etwa hat der deutsche Coach den perfekten Spielertyp gefunden, um die aus der gegnerischen Defensive geschlagenen langen Bälle schnellstmöglich zurückzuerobern.
Mit seinen knapp zwei Metern und der Zweikampfstärke bringt der Spanier die entsprechenden körperlichen Voraussetzungen mit. Darüber hinaus ist er schnell genug zu Fuß, um für die nötige Konterabsicherung zu sorgen, sollte die Pressingfalle weiter vorne nicht rechtzeitig zuschnappen. Auch Ex-Hamburger Luka Vuskovic, im Sommer für 55 Millionen Euro von Tottenham Hotspur verpflichtet, ist in kürzester Zeit zum unumstrittenen Stammspieler gereift.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil in Hürzelers System ist Ex-Nationalspieler Pascal Groß, der bereits im zurückliegenden Winter zu den Südengländern stieß, nachdem er beim BVB immer mehr aufs Abstellgleis geraten war. Unter seinem Landsmann erlebt der 35-Jährige bei den Seagulls eine Art zweiten Frühling und führt nach fünf Spieltagen völlig überraschend vor den Topstars Erling Haaland, Florian Wirtz und Co. die Scorerliste der Premier League an (drei Tore, vier Assists). Auch beim 3:0-Erfolg gegen Arsenal traf Groß zur 1:0-Führung (31.) und bereitete später den Chema-Treffer zum Endstand vor (57.).
"Ich fühle mich sehr gut, sehr wohl. Es ist eine gute Mischung aus Fitness, Erfahrung und der Zusammenarbeit mit Fabian Hürzeler, einem Trainer, der mich so einsetzt, dass meine Stärken zur Geltung kommen", führte Groß im Interview mit dem kicker die Gründe für seine derzeit bestechende Form an. Der Mannschaft gelänge es aktuell nahezu perfekt, die von Hürzeler geforderten Dinge in die Tat umzusetzen. "Einige der Treffer hatten wir unserem Pressing und den daraus resultierenden hohen Balleroberungen zu verdanken. Wir kreieren insgesamt viele Torchancen", sagte der Mittelfeldspieler.
Groß profitiert dabei vor allem davon, dass er im Spiel nach vorne mehr Freiheiten genießt und seine Rolle entsprechend offensiver interpretieren darf. "Er ist wie guter Wein. Je älter er wird, desto besser wird er", lobte Hürzeler. Groß mache "Dinge, die man bei ihm Platz nicht messen kann, die wir aber auf dem Trainingsplatz täglich sehen. Er hat die Fähigkeit, einen sozialen Zusammenhalt zwischen allen unseren Spielern zu schaffen. Wir haben so viele unterschiedlichen Nationalitäten und Nationen und er hat das Gespür für all diese Dynamiken".
Auch weil es bei Brighton derzeit so rund läuft - in der Tabelle rückte man nach dem dritten Sieg auf Platz drei - verzichtete Hürzeler dieses Mal auf eine Brandrede. Dem Gegner hatte er, anders als beim Aufeinandertreffen vor knapp einem halben Jahr, wenig vorzuwerfen. Schließlich hatte Arsenal dem Matchplan des Deutschen perfekt in die Karten gespielt und über 90 Minuten kaum ein Mittel gegen das dauerpressende Brighton gefunden.
Und so war es Arteta, der nach der Begegnung vor die Presse trat und den "Streit" der beiden Coaches ein für alle Mal begrub. Anders als beim letzten Aufeinandertreffen, als er die Aussagen Hürzelers mit sarkastischen Kommentaren noch abtat und ein wenig ins Lächerliche zog, hatte der Spanier am Samstag nichts als Wertschätzung und Lob für seinen Trainerkollegen übrig.
"Ich bin hier, um meine Meinung zu sagen, mich vor meinen Klub zu stellen und das Beste aus meinen Spielern herauszuholen. Das, was war, ist erledigt. Das liegt in der Vergangenheit. Ich habe riesigen Respekt vor Fabian und vor dem, was er erreicht hat. Was Brighton als Klub unter ihm leistet ist einfach bemerkenswert", schwärmte Arteta.
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