"Ich muss neu beweisen, dass ich dazugehöre": Deniz Undav zurück im 'Survival Mode' nach WM, Bundesliga-Fehlstart und Tiefschlag durch Jürgen Klopp | Goal.com Deutschland

Deniz Undav schüttelte den Kopf, als sein Spiel gegen Borussia Dortmund nach 63 Minuten zu Ende war. Er marschierte langsam zur Bank, klatschte kurz mit Dzenan Pejcinovic ab und schritt hinter Sebastian Hoeneß in Richtung Bank. Er blickte kurz zum Trainer, der allerdings gerade Anweisungen aufs Spielfeld rief und ihn nicht sah. Also stapfte Undav, die Schultern hingen mittlerweile ein wenig nach vorne, weiter, klatschte noch pflichtschuldig mit den Menschen ab, die ihm über den Weg liefen, nahm sich eine Trinkflasche und setzte sich auf die Bank.
Wenige Minuten später musste er tatenlos zuschauen, wie die Dortmunder mit ihrem zweiten Schuss aufs Tor und nach ihrer ersten wirklich gelungenen Kombination über Nico Schlotterbeck, Jobe Bellingham, Konstantinos Karetsas, wieder Bellingham und dem Vollstrecker Maximilian Beier das 1:0 in diesem eher zähen Spiel erzielten.
Rund 30 Minuten später hatte der VfB die dritte Niederlage im vierten Bundesligasaisonspiel kassiert und Undav, 0 Saisontore, 0 Vorlagen, 0,5 Torschüsse und 24,8 Ballberührungen pro Spiel, analysierte bei Sky den schlechten Saisonstart seiner Mannschaft im Allgemeinen und von sich im Speziellen und redete sich dabei den Frust von der Seele.
"Ich habe das Gefühl, ich bin zu weit hinten auf dem Platz. Ich bin zu weit hinten, muss dann 40 Meter nach vorne rennen und dort bekomme ich keine Bälle. Ich hatte in vier Spielen erst zwei Chancen", sagte er. Letzte Saison habe er "mehr die Linie gehalten und war dann im richtigen Moment da."
Wer da nun eine gar nicht mal so leise Kritik an seinen Trainer Sebastian Hoeneß heraushören möchte, der irrt. Hoeneß hat Undavs Position beim VfB nicht verändert, er verlangt auch nicht andere Sachen von ihm als in der vergangenen Saison. Sebastian Hoeneß weiß schließlich, dass das nur sehr begrenzt möglich ist.
Die größte Stärke des Instinktfußballers Deniz Undav, über dessen unwahrscheinliche Fußballkarriere wahrlich genug geschrieben wurde in den vergangenen Jahren, ist ja, dass er eben keiner dieser modernen, fernsteuerbaren Fußballer ist, denen man in den Nachwuchsleistungszentren jeden möglichen und unmöglichen Laufweg für jede mögliche oder unmögliche Situation eingepaukt hat.
Natürlich können seine Trainer ihm Dinge beibringen und taktische Konzepte mitgeben, natürlich können sie sich von ihm wünschen, in welchen Räumen er sich vorzugsweise aufhalten und wie er zum Beispiel nach hinten mitarbeiten soll. Undav ist immer noch Profifußballer, wenn auch auf dem zweiten Bildungsweg. Seine Karriere basiert nicht auf Zufällen.
Doch Laufwege vorzeichnen? Das würde bei Undav nicht funktionieren, so funktioniert sein Spiel einfach nicht. Undav sei kein “Schablonen-Fußballer”, sondern ein “ein brutaler Instinktfußballer. Er assoziierte das Spiel unfassbar gut. Er wusste schon, was drei Schritte später auf dem Feld passiert”, erklärten zwei seiner ehemaligen Jugendtrainer während der WM den Spieler Deniz Undav im Spiegel.
Damals, als Undav nach den ersten zwei Gruppenspielen gegen Curacao und vor allem gegen die Elfenbeinküste drei Tore und eine Vorlage gelungen waren und sich gefühlt ganz Deutschland auf Deniz Undav und seine unwahrscheinliche Aufsteigergeschichte (vor sechs Jahren noch Drittligastürmer, noch ein bisschen vorher 100 Euro im Monat zum Leben, 17-Stunden-Tage zwischen Arbeit und Training und 40 Minuten zu Fuß zur Arbeit) einigen konnte.
Deniz Undav, dieser sympathische Norddeutsche mit kurdischen Wurzeln, der "ein- bis zweimal die Woche Döner oder Burger essen muss" für sein Seelenheil, schien für wenige Tage der Typ, der Deutschland die gute Laune zurückbringen könnte. Für einen ganz kurzen Moment schien wirklich alles möglich, sogar, dass Undav die DFB-Elf zum Titel bei der WM ballern könnte.
Sogar Julian Nagelsmann setzte ihn im Sechzehntelfinale gegen Paraguay von Anfang an ein.
Nach dem Ausscheiden im Elfmeterschießen war Undav der einzige Spieler, den Nagelsmann öffentlich kritisierte. Oder besser: Eine vergebene Torchance Undavs in der Anfangsphase der Partie. "Da stehen wir zu viert alleine vor dem Tor, da müssen wir nur querspielen, dann schieben wir den Ball ins leere Tor. Da chippt der Deniz den irgendwie auf den zweiten Pfosten. Das ist eine ganz einfache Aktion, da war ja nicht viel dahinter", sagte Nagelsmann.
Der Satz ließ Undav, den eigentlich eine gewisse Scheißegal-Mentalität auszeichnet, nicht mehr los im Sommer. "Die ganze Zeit habe ich darüber nachgedacht, ob unser Ausscheiden auch meine Schuld war", sagte Undav vor dem Start der Saison im Bundesliga-Magazin.
Zwar habe er in der Situation keinen besser postierten Mitspieler gesehen und es seien ja nach der vergebenen Chance noch 115 Minuten Zeit gewesen, um das Elfmeterschießen zu verhindern und doch stellte er sich die Frage: "War es wirklich meine Schuld?"
War es natürlich nicht. Natürlich kann keiner wissen, außer vielleicht Undav selbst, ob diese vergebene Chance inklusive Nagelsmanns letztem Seitenhieb bis heute nachwirkt auf den 30-Jährigen.
Doch Fakt ist: Undav muss aktuell mit mehreren beruflichen Rückschlägen fertig werden, die vor der WM noch undenkbar schienen. Als ihm scheinbar alles mühelos gelang, er 19 Tore und sechs Vorlagen in der Bundesliga schaffte und neun Tore und zwei Vorlagen in 13 Länderspielen. Da wäre nun die Krise mit dem VfB Stuttgart, seine persönliche Torflaute und dann hat ihn auch noch Jürgen Klopp erst mal nicht berücksichtigt für den Neuaufbau des DFB-Teams nach dem WM-Gau.
"Jetzt muss ich es nochmal einem Trainer beweisen, dass ich dazugehöre”, sagte Undav bei Sky. Das sei "anstrengend", sagte er und präzisierte: "Er meinte, die Erwartungshaltung ist eine andere. Ich war in den beiden Spielen, die er gesehen hat, gegen Bayern und Köln nicht gut. Das muss man akzeptieren. Ich war kurz enttäuscht, weil ich gedacht habe, dass ich mir durch die WM und die Spiele im Nationaltrikot vielleicht einen Puffer aufgebaut habe. Das ist anscheinend nicht der Fall. Ich muss mich neu beweisen und dem Trainer nochmal zeigen, dass ich dazugehöre. Es ist zwar anstrengend, das jedem Trainer beweisen zu müssen, aber ich habe das oft genug gemacht. Ich bin kein Kind von Traurigkeit, ich heule jetzt nicht rum. Ich war fünf Minuten enttäuscht und danach ging der Blick nach vorne. Ich werde alles geben, damit ich mich im November empfehlen kann."
Auf die Nachfrage, wie denn seine Aussage, er sei kein Kind von Traurigkeit zu verstehen sei, blitzte doch noch eine weitere recht einzigartige Facette von ihm auf. "Ich rede offen, nehme kein Blatt vor den Mund und sage meine Meinung, negativ wie positiv. Ich habe oft Probleme gehabt und musste mich oft beweisen. Das war mein Leben lang so. Egal, wo ich war, am Anfang hat es nicht geklappt, weil die Leute gesagt haben, meine Körpersprache stimme nicht oder ich sei nicht der Sprinter. Aber das ist mein Leben lang so. Ich habe letztes Jahr 39 Scorer gemacht und meine Körpersprache war die gleiche. Wenn man mich als Menschen kennt, weiß man, wie man damit umzugehen hat."
Da war sie wieder, diese "Scheißegal, ich mach das schon"-Haltung, die einen großen Teil seiner Aura ausmacht. Wenn er die auch auf dem Platz wiederfindet, dann muss man sich um den weiteren Karriereweg des Deniz Undav eher keine Sorgen machen.
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