"Lenny"-Vibes und überraschende Alternativen für Harry Kane: Die Erkenntnisse des Bayern-Siegs gegen RB Leipzig | Goal.com Deutschland

Unter anderem einen Backup für Mittelstürmer Harry Kane suche man beim FC Bayern, hieß es während dieses Sommers lange. Mit Ismael Saibari kam ein flexibel einsetzbarer Offensivspieler, der unter anderem auch ganz vorne spielen kann, sich am liebsten aber auf der Zehn sieht.
Einen weiteren Neuzugang wird es an der Säbener Straße dem Vernehmen nach bis zum Ende der Transferperiode Anfang September nicht mehr geben, ein klassischer Kane-Backup ist also nicht eingeplant. Aber aufgrund der Kaderbreite in der Offensive braucht es den auch gar nicht, wie auch der Testlauf gegen Leipzig am Samstag zeigte.
In Abwesenheit des erst kürzlich aus seinem WM-Urlaub zurückgekehrten Kane bot Trainer Vincent Kompany überraschenderweise Eigengewächs Arijon Ibrahimovic auf der Neun auf. Der 20-Jährige, eigentlich Linksaußen oder Zehner, kehrte von einer aus persönlicher Sicht durchaus erfolgreichen Leihe beim 1. FC Heidenheim nach München zurück und ist nun fest in der ersten Mannschaft des FCB eingeplant. Anfang Juli hatte Bayern Ibrahimovics Vertrag verlängert, Kompany soll sich ausdrücklich für seinen Verbleib eingesetzt haben.
Der deutsche U21-Nationalspieler wird sich angesichts der starken Konkurrenz zwar hinten anstellen müssen, soll aber dennoch regelmäßige Einsatzzeit zugesichert bekommen haben. Und diese könnte er offensichtlich neben seiner vermeintlichen Hauptrolle als Alternative zu Luis Diaz auf dem linken Flügel oder als Zehner auch im Sturmzentrum bekommen.
Dort machte er seine Sache gegen Leipzig ordentlich. Zwar hatte er die eine oder andere unglückliche Aktion, konnte hier und da jedoch gefallen. Zum Beispiel, als er in der 18. Minute den Ball gut festmachte und auf Tom Bischof ablegte, der dann tief auf Diaz spielte. Potenziell eine gute Torchance, allerdings wurde der Kolumbianer kurz vor dem Abschluss noch entscheidend gestört.
Nach der Trinkpause Mitte der ersten Hälfte gab kurzzeitig Diaz die falsche Neun und Ibrahimovic kam über links. Nur wenige Minuten später wechselte man aber wieder zurück, im Pressing gaben Ibrahimovic und der als Zehner aufgebotene Bischof eine Doppelspitze, liefen die Leipziger Abwehrspieler im Verbund intensiv an.
Nach einer Abtastphase, in die auch die Sorgenfalten wegen der frühen verletzungsbedingten Auswechslung von Konrad Laimer fielen, war Bayern in einer bestens gefüllten Allianz-Arena in der 13. Minute durch Diaz in Führung gegangen. In der Entstehung entscheidend: Offensivtalent Tim Binder.
Der 19-Jährige, einer der Gewinner der Vorbereitung und schon beim 2:1-Testspielsieg gegen Aston Villa in Hongkong mit vielversprechenden Ansätzen, durfte über die rechte Seite von Beginn an ran. Binder strahlte Unbekümmertheit und Selbstvertrauen aus, suchte immer wieder mutig das Eins-gegen-Eins und bereitete Nationalspieler David Raum dabei mitunter Probleme.
So auch unmittelbar vor dem Führungstreffer, als er entschlossen auf Raum zudribbelte, nach innen zog und statt abzuschließen, den Passweg zu Diaz auf der anderen Strafraumseite suchte. Zwar kam Binders Ball nicht an, allerdings schoss Ridle Baku bei seiner Klärungsaktion einen Leipziger Mitspieler ab und so landete das Leder auf kuriose Art und Weise doch noch bei Diaz. Der 29-Jährige, der in den ersten 45 Minuten vor Spielfreude sprühte, nahm das Geschenk eiskalt an und schlenzte den Ball unhaltbar ins Eck.
Binder derweil gefiel mit feinen Aktionen, zeigte seine Dribbelstärke und drehte nach einer Stunde den für Raum eingewechselten Max Finkgräfe sehenswert ein. "Eine kleine Karl-Kopie", sagte Ex-Bayern-Star Stefan Effenberg als Co-Kommentator bei MagentaTV über den FCB-Youngster, der als Zwölfjähriger vom FC Augsburg in die Nachwuchsabteilung des Rekordmeisters gewechselt war.
Lennart-Karl-Vibes lieferte er nicht nur mit seiner Spielweise, sondern auch mit dem überzeugenden Auftritt. Ein Hauch davon, wie der mittlerweile zum Nationalspieler aufgestiegene Karl beim Telekom Cup 2025 seine starke Saison auf größerer Bühne ankündigte. Vor gut einem Jahr hatte Karl beim 4:0 im Test gegen Tottenham Hotspur als Joker sehenswert getroffen und damit erstmals die Allianz-Arena verzückt.
Derart Spektakuläres gelang Binder zwar nicht, doch gegen Leipzig ließ der deutsche Junioren-Nationalspieler erneut aufblitzen, dass er durchaus das Zeug dazu hat, Akzente zu setzen. Allerdings ist wohl nicht klar, ob er seine Zukunft beim FCB sieht. Laut FCBinside weckt Binder Interesse bei zwei anderen Bundesligisten, dazu auch in der Ligue 1 und der Serie A. Eine Leihe ist denkbar, aufgrund der ungünstigen Vertragssituation (aktueller Kontrakt läuft 2027 aus) angeblich aber sogar ein fester Verkauf.
Für einen Verbleib Binders in München spricht, dass Kompany viel von ihm hält, nach dem 2:1 gegen Aston Villa bescheinigte der Belgier dem Eigengewächs eine "beeindruckende Leistung." Kompany ist bekanntlich sehr darauf bedacht, Talente aus dem eigenen Campus bestmöglich oben zu integrieren, ersetzte Binder für die letzten 20 Minuten mit dem 17-jährigen Wirbelwind Maycon Cardozo. Zudem brachte er mit Wisdom Mike (ebenfalls 17) eine weitere Nachwuchshoffnung.
Sowohl Cardozo als auch Mike brachten noch Nachweise für ihr Potenzial auf den Rasen. Cardozo mit seinem überragenden Dribbling eine Viertelstunde vor Schluss, als er zwei Leipziger sehenswert aussteigen ließ und Vandevoordt seinen Abschluss aufs kurze Eck entschärfen konnte. Mike mit einer feinen Einzelleistung inklusive zu hoch angesetztem Schuss aus knapp 20 Metern.
Was ansonsten so auffiel? Nach einer sehr dominanten ersten Halbzeit der Bayern kam Leipzig stark aus der Pause und in Minute 52 durch Brajan Gruda verdient zum Ausgleich. Danach raffte sich der FCB wieder auf und führte schnell wieder. Einen Traumpass von Aleksandar Pavlovic verwertete Neuzugang Nathaniel Brown - wenn auch aus abseitsverdächtiger Position - cool und tunnelte Leipzig-Keeper Maarten Vandevoordt zum 2:1. Erstmals traf Brown in der Allianz-Arena, erstmals bejubelten die FCB-Fans in ihrem Wohnzimmer einen Treffer des neuen Linksverteidigers.
Bitter für Bayern: Mitte der zweiten Halbzeit musste mit Innenverteidiger Min-jae Kim, der offenbar muskuläre Probleme hatte, ein weiterer Akteur angeschlagen vom Platz. Für ihn kam in der 69. Minute Hiroki Ito, zeitgleich feierte 50-Millionen-Neuzugang Ismael Saibari sein Debüt im FCB-Trikot. Der Marokkaner fiel zunächst negativ auf, als er sich ein ziemlich rüdes Einsteigen gegen Ezechiel Banzuzi leistete. Kurz darauf stand er dann auch fußballerisch im Fokus, als er im Anschluss an ein feines Dribbling Jamal Musiala den dritten Münchener Treffer zum 3:1-Endstand auflegte.
Auch Musiala war für die Schlussphase eingewechselt worden, stand kurz nach seinem Tor allerdings noch bei einer großen Schrecksekunde im Mittelpunkt: Plötzlich lag der deutsche Nationalspieler auf dem Rasen, Mit- und Gegenspieler winkten hektisch den Notarzt herbei. Glücklicherweise konnte Musiala relativ schnell wieder aufstehen, wirkte beim Verlassen des Platzes aber noch benommen. Was genau ihm fehlte, war zunächst nicht zu klären. Auch Kapitän Manuel Neuer wusste unmittelbar nach Spielschluss nichts Näheres: "Es wird sich zeigen, was da war. Aber wir drücken natürlich die Daumen", sagte er bei MagentaTV über Musiala.
Ehe es für die Bayern am kommenden Samstag im Supercup gegen Borussia Dortmund erstmals ernst wird, steht derweil noch ein weiteres Testspiel auf dem Programm. Am Dienstag gastiert der Meister bei Zweitligist Heidenheim.
Orijinal haberi okuyun