Der FC Bayern setzt bei Luis Diaz auf ein Erfolgsrezept der Vorsaison | Goal.com Deutschland

Die Bayern hatten Einiges zu Feiern gehabt in der Kabine. Bei so einem 7:0 häufen sich die Anlässe schließlich. "Der Trainer hat uns einige Reden halten lassen in der Kabine", berichtete Harry Kane, als er einige Minuten nach Mitternacht als letzter Profi des deutschen Rekordmeisters am Freitag nach dem Kantersieg gegen Union Berlin die Kabine verlassen hatte, ein Lebkuchenherz mit einer glasierten 100 vorne drauf in der Hand zu Ehren seines nächsten Fabel-Rekords. "Michael hat seinen ersten Dreierpack für uns geschossen, Isi (Saibari, die Red.) sein erstes Tor für den FC Bayern erzielt, ich meinen 100. Treffer, Serge Gnabry ist nach seiner Verletzung wieder zurück", zählte Kane gut gelaunt auf und berichtete auf Nachfrage lachend, dass Olises Rede die Kürzeste gewesen sei.
Soweit keine Überraschungen.
Wie sich Luis Diaz gefühlt hat, als die übrigen Offensivstars vor versammelter Mannschaft über ihre Erfolge sprachen, ist nicht bekannt. Diaz verließ die Allianz Arena ohne weiteren Kommentar. Der Kontrast hätte jedenfalls nicht größer sein können. Da lauter gute Jubel- und Feieranlässe und hier Luis Diaz, der Stürmer, der das Pech aktuell anzuziehen scheint. Die traurige Gestalt unter lauter Glücksrittern.
Immerhin: Niedergeschlagen wirkte er nicht nach seinem nächsten gebrauchten Abend für die Münchner, dem fünften nacheinander. Seit seinem Treffer zum 5:1 beim Bundesligaauftakt gegen den VfB Stuttgart ist dem 29-Jährigen in den weiteren Partien nichts Zählbares mehr gelungen. Und schlimmer: Gegen Schalke, Osnabrück im Pokal und Bodö/Glimt in der Champions League verballerte er noch teils sehr hochkarätige Chancen. Letzte Woche zog er sich nach seiner Einwechslung in Elversberg den Zorn von seinem Kollegen Josip Stanisic zu, als er, perfekt von Michael Olise im Strafraum bedient, den Ball nicht einfach aufs Tor schoss, sondern irgendwie gleich mehrere spektakuläre Tricks im Kopf zu haben schien, ehe ihm nur ein Schüsschen mit der Hacke gelang.
Und nun? Hatte er seine auffälligste Szene, als er den bis dato zwar schönsten Münchner Angriff zwar mit einem Treffer beendete, das Tor ihm aber wegen Abseits aberkannt wurde.
Diaz brach mit der nächsten tor- und vorlagenlosen Partie das Versprechen, das er zuvor im Interview mit Sky/RTL gegeben hatte. "Ich glaube, im nächsten Spiel kommt dieses Tor. Man muss auch ruhig bleiben, mental, damit es einen nicht belastet. Es gilt daran zu arbeiten, sich zu verbessern. Ich weiß, dass es nur die Chancenverwertung ist. Es fehlt nur der Abschluss – und dann ist es gut."
Die nächste Chance, dass es gut wird, bekommt Diaz nun erst wieder am 10. Oktober. Bis zur Partie beim FC Augsburg sind Länderspiele angesagt. Und für Luis Diaz Sonderurlaub. Kolumbiens Nationaltrainer Nestor Lorenzo verzichtete in Rücksprache mit seinem Stürmer, ihn nicht zu nominieren. Diaz soll sich ausruhen nach einer extrem kräftezehrenden vergangenen Saison mit 51 Einsätzen für die Bayern, in denen ihm außerordentliche 26 Tore und 23 Vorlagen gelangen und weiteren 16 Spielen für die kolumbianische Nationalmannschaft (7 Tore, 3 Vorlagen).
Schon während der WM, bei der Diaz mit Kolumbien ins Achtelfinale gekommen war, hatte er mit seiner Chancenverwertung gehadert, in den ersten Wochen nach seiner Rückkehr nach München hatte sich dieses Problem verstärkt - bis er nun gegen Union nicht mal mehr zu vielen Chancen kam.
Dennoch: Allein in der Bundesliga verpasste er laut den Daten von Sofascore bereits sechs Großchancen, zudem erreichte er in den ersten vier Bundesliga-Spieltagen einen Expected-Goal-Wert von 3,1. Zum Vergleich. Harry Kane machte aus einem xG von 2,17 bisher drei Treffer, der absolut überragende Michael Olise aus einem xG von 2,65 vier Tore. Wettbewerbsübergreifend steht Olise bereits bei acht Toren und drei Vorlagen. Auch Ismael Saibari, der gegen Union in der 63. Minute für Diaz eingewechselt wurde, kommt in seinen ersten vier Bundesligaspielen in nur 178 Spielminuten auf ein Tor und drei Vorlagen.
"Einige wären froh, wenn sie so eine Delle hätten wie er", beschwichtigen Bayerns Sportvorstand Max Eberl am Freitag und erklärte: "In Südamerika sind die Länderspiele jetzt nicht zwingend und es tut dem Spieler jetzt einfach mal gut. Er hat einfach sehr viele Spiele gehabt. Insofern ist es schön." Diaz werde "erst mal ein bisschen Urlaub machen und dann wieder einsteigen. Er wird sein Programm haben. Man muss sich keine Sorgen machen, dass er nicht fit zurückkommt", sagte Eberl.
Kurioserweise scheint Luis Diaz die Möglichkeit eines Leistungsabfalls zu Beginn dieser Saison zumindest einkalkuliert zu haben. Im Interview mit Sky/RTL verriet er sogar, dass er sich einen Back-Up für seine Position durchaus gewünscht hätte. "Natürlich will ich immer spielen. Aber wenn jemand da ist, der auf meiner Position helfen kann: Herzlich Willkommen. Das hilft sehr, wenn die Dinge nicht gut laufen. Dann ist der Mitspieler da, um dir zu helfen – und so wechselt man sich ab. Das ist sehr wichtig. Mir hätte es gefallen. Aber gut, es ist nicht passiert. Wir sind auch so gut."
Tatsächlich hatten die Bayern eigentlich vorgehabt - und kommuniziert - mit einem solchen Back-Up für Diaz in die Saison zu gehen. Doch kurz vor Ende der Transferfrist lieh man Arijon Ibrahimovic, durchaus auch zur Überraschung des 20-Jährigen, an den FC Augsburg aus. "Von wo hat Isi heute sein Tor geschossen?", antwortete Eberl am Freitag auf die Frage, ob die Bayern nun im Winter womöglich doch noch mal über einen Back-Up für Diaz nachdenken würden, schließlich ist seine Linksaußen-Position als Einzige nominell nicht doppelt besetzt.
Eberls Frage war rhetorisch, denn natürlich hatte Saibari seinen Treffer von der linken Seite des Strafraums erzielt. Ein Flügelspieler ist der Marokkaner aber freilich nicht, dafür fehlt ihm das Tempo. Jedoch ist er so spielintelligent und hat ein so gutes Auge und verfügt über eine so feine Technik, dass er in der Offensive in der Tat theoretisch auf jeder Position spielen kann. Auch Serge Gnabry kann Diaz auf dessen Position vertreten. Sorgen um seinen Platz im Team machen muss sich Diaz tendenziell aber erst mal nicht - Vincent Kompany dürfte in den kommenden Spielen weiterrotieren, um möglichst allen Stars ähnliche Einsatzzeiten zu geben; nach der Länderspielpause folgen zudem einige Englische Wochen hintereinander.
Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Luis Diaz mitten in der Saison noch mal Urlaub bekommt. Im Dezember 2025 war er in der Champions League wegen einer Roten Karte gesperrt und hatte noch dazu in der Bundesliga seine fünfte Gelbe Karte kassiert, Trainer Vincent Kompany schickte ihn "ein paar Tage weg. Ich glaube, das ist jetzt einfach vernünftig, dass er ein paar Tage weg ist und dann mental und physisch wieder hundert Prozent zurückkommt", hatte der Trainer damals erklärt.
Diaz war damals tatsächlich voller Tatendrang zurückgekehrt und eine sehr gute Rückrunde gespielt. Wiederholt sich die Geschichte, nur eben zu einem deutlich früheren Zeitpunkt in der Saison?
Orijinal haberi okuyun