Erkenntnisse zu Klopps Start: Ausgerechnet ein Debütant dürfte seinen Platz am sichersten haben | Goal.com Deutschland

Als Zauberer oder gar Messias wurde der neue Bundestrainer Jürgen Klopp bei seiner Amtsübernahme bisweilen dargestellt. Man musste es ahnen, jetzt weiß man es: Klopp holen und plötzlich wieder Weltspitze, so einfach ist es dann doch nicht. Zur allgemeinen Beruhigung: So einfach war es auch bei seinen Ex-Klubs Borussia Dortmund und FC Liverpool nicht. Auch dort dauerte es, bis er die Erfolgsmaschinen nach seinem Gusto geformt hatte, die in Erinnerung geblieben sind.
Klopps Bilanz nach der ersten Länderspielphase lautet: Ein sehr glückliches Remis in den Niederlanden, eine unnötige Heimniederlage gegen Griechenland, ein souveräner Sieg gegen ganz schwache Serben und nun zum Abschluss ein 0:0 trotz großer Dominanz in Griechenland. Der Viertelfinaleinzug in der Nations League ist weit entfernt. Julian Nagelsmann war das 2024 übrigens noch locker gelungen, damals scheiterte Deutschland letztlich erst im Halbfinale am späteren Sieger Portugal.
Anschließend ging es für das DFB-Team unter Nagelsmann jedoch bis zum WM-Fiasko stetig bergab. Im Vergleich dazu präsentierte sich die Auswahl in den ersten vier Partien unter Klopp kampf- und körperbetonter, streute auch mal eine Rudelbildung ein. Dazu wurde Klopps Fokus auf Gegenpressing von Spiel zu Spiel ersichtlicher, womit wir auch schon bei der wohl größten Erkenntnis seines Starts als Bundestrainer wären: Personell scheint Klopp offen für alles, taktisch dagegen nicht verhandlungsbereit zu sein.
Für die vier Spiele berief er 43 Spieler in zwei etwas überlappenden Kadern, 36 davon kamen zum Einsatz, darunter zehn Debütanten. Für alle anderen deutschen Fußballer ist die Tür derweil "sperrangelweit offen", wie Klopp bei jeder Gelegenheit betont. Jeder darf mitmachen, so die Botschaft. Aber wer mitmachen will, muss wissen: Er spielt in Klopps bewährtem 4-3-3-System mit Fokus auf Gegenpressing und schnellen Angriffen über die Flügel.
Spannend macht das vor allem den Konkurrenzkampf im Mittelfeld. In der jüngeren Vergangenheit agierte das DFB-Team meist mit einer Doppelsechs. Klopp setzt dagegen auf zwei Achter und einen tiefen Spielmacher. Zunächst übernahm diese Position der von Klopp per erster Amtshandlung von rechts hinten ins Zentrum verschobene Kapitän Joshua Kimmich. Nach dem unglücklichen Auftritt daheim gegen Griechenland musste Kimmich planmäßig - aber gegen seinen Willen - abreisen.
Daraufhin übernahm Aleksandar Pavlovic, sein Nebenmann vom FC Bayern, und überzeugte. Diskussionen über Kimmichs künftige Rolle waren folgerichtig, wurden von Klopp aber nur mangelhaft moderiert und mit einigen flapsigen Aussagen ("Das kann ich Jo sagen: Je öfter man fragt, desto weniger wahrscheinlich bekommt man das, was man will.") sogar verstärkt. Letztlich hat Klopp vor der Länderspielphase eine Kimmich-Debatte beendet (Rechts hinten oder im Zentrum?), dann aber eine ganz neuen Kimmich-Debatte ausgelöst (Überhaupt noch benötigt?).
Dass die erste Kimmich-Debatte nicht wieder aufgebrochen ist, liegt derweil an Philipp Treu. Die Nominierung des 25-jährigen Rechtsverteidigers vom SC Freiburg und dessen bisherige Rolle geht als Klopps erste Zauberei im DFB-Team durch. Als einziger Spieler stand Treu dreimal in der Startelf und zeigte dabei stets grundsolide bis gute Leistungen. Er hat das Potenzial, Deutschlands ewige Problemposition langfristig zu beheben.
Kurios aber wahr: Kaum ein Spieler dürfte seinen Startplatz beim nächsten Länderspiel in Serbien am 13. November so sicher haben wie Debütant Treu. Auf praktisch allen anderen Positionen erscheint der Konkurrenzkampf dagegen völlig offen.
Marc-Andre ter Stegen wurde von Klopp vorab zum vorläufigen Stammkeeper erklärt. Bei seinem einzigen Einsatz in Amsterdam schwankte der 34-Jährige jedoch zwischen Genie und Wahnsinn. Der elf Jahre jüngere Jonas Urbig hinterließ bei seinen beiden Spielen einen besseren Eindruck und blieb ohne Gegentor. Sein Problem: Beim FC Bayern ist er nur Reservist.
In der Innenverteidigung stehen die Platzhirsche unter Druck. Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck wackelten gegen die Niederlande, bei den übrigen Spielen verteidigte Deutschland stabiler - vor allem Yann Aurel Bisseck und Malick Thiaw überzeugten.
Der Konkurrenzkampf im Mittelfeld beschränkt sich derweil nicht nur auf Kimmich und Pavlovic. Mit Florian Wirtz, Tom Bischof, Felix Nmecha, dem aktuell verletzten Jamal Musiala und etlichen Debütanten, darunter dem von Klopp auffällig gelobten Bambase Conte, hat der Bundestrainer auch auf den beiden Halbpositionen die Qual der Wahl. Die Erweckung des beim FC Liverpool strauchelnden Wirtz ist Klopps zweite große Errungenschaft neben der Entdeckung Treus. In Griechenland fungierte der 23-Jährige sogar als Kapitän.
Auf den Flügeln bewarb sich vor allem Debütant Derry Scherhant für weitere Einsätze. Eher karg wirkt dagegen die Auswahl im Sturmzentrum. Platzhirsch Kai Havertz musste nach einem Kurzeinsatz gegen die Niederlande verletzt abreisen. Seine Vertreter Younes Ebnoutalib, Nick Woltemade und Jonathan Burkardt enttäuschten allesamt.
Bezeichnend, dass Deutschland trotz klarer Dominanz in drei von vier Spielen und insgesamt 74 Schüssen nur drei Tore gelangen, noch dazu allesamt von Mittelfeldspielern erzielt. Die Hoffnungen im Sturm liegen nun eher auf den aufregenden U21-Stürmern Paris Brunner und Nicolo Tresoldi. Womöglich denkt Klopp aber auch noch beim diesmal nicht berufenen Deniz Undav um.
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