Selbst in seiner Paradedisziplin hat er das Nachsehen: Alphonso Davies steht beim FC Bayern am Scheideweg | Goal.com Deutschland

Es war beim FC Bayern in der jüngeren Vergangenheit ein wiederkehrender Ablauf: Wichtige Stammspieler nähern sich ihrem Vertragsende, werden von ausländischen Topklubs umworben, sollen verständlicherweise unbedingt gehalten werden, bekommen unter Druck hochdotierte Verlängerungen - und liefern dann aus verschiedenen Gründen plötzlich nicht mehr in gewohnter Manier ab.
So war es beispielsweise bei Leon Goretzka, Serge Gnabry, Kingsley Coman und auf etwas niedrigerem Niveau auch bei Eric-Maxim Choupo-Moting. Ihr Gehalt spiegelte schon bald nach den Verlängerungen nicht mehr ihren sportlichen Stellenwert wider, band aber finanzielle Ressourcen und blockierte somit gleichzeitig die Kaderplanungen. Die Münchner wollten verkaufen, die Spieler verwiesen zu Recht auf ihre Verträge. So schleppte der FC Bayern etliche Altlasten mit, bis sie sich letztlich ablösefrei verabschiedeten (Goretzka, Choupo-Moting), mit Gehaltsverzicht verlängerten (Gnabry) oder mit verhältnismäßig geringer Ablösesumme verkauft wurden (Coman).
Bei Alphonso Davies droht eine ähnliche Entwicklung: Nach monatelangem Poker, begleitet von hartnäckigem Werben Real Madrids, verlängerte er im Februar 2025 zu äußerst lukrativen Bezügen bis 2030. Kolportiertes Grundgehalt: 15 Millionen Euro, das durch Boni noch deutlich ansteigen kann. Handgeld: 22 Millionen Euro.
Kurz nach seiner Verlängerung riss er sich das Kreuzband, fiel ein Dreivierteljahr aus, erlitt nach seinem Comeback mehrere gesundheitliche Rückschläge und fand bis heute nicht zurück zu alter Stärke. Ende der vergangenen Saison zog sich Davies einen Muskelbündelriss zu, weshalb er bei der langersehnten Heim-WM nur 16 Minuten für Kanada spielte und angeschlagen zum FC Bayern zurückkehrte.
Während seine Kollegen durch Asien tourten, arbeitete Davies gemeinsam mit Neuzugang Ismael Saibari und Jamal Musiala in München an seinem neuerlichen Comeback. In dieser Woche soll er ins Mannschaftstraining einsteigen und bis zum Supercup gegen Borussia Dortmund am 22. August wieder einsatzbereit sein - doch dann droht ihm dennoch die Bank.
Davies findet sich in diesem Sommer in einer ungewohnten Situation wider: Erstmals seit seinem Durchbruch in der Triple-Saison 2019/20 ist er nicht mehr der unumstrittene Linksverteidiger Nummer eins. In den vergangenen Jahren sprangen in Davies Abwesenheit links hinten eher flexible Platzhalter ein: Lucas Hernandez, Raphael Guerreiro, Hiroki Ito, Konrad Laimer oder Josip Stanisic.
In diesem Sommer holten die Münchner mit Nathaniel Brown für 50 Millionen Euro aber einen Spieler, der sich einen völlig offenen Konkurrenzkampf mit Davies liefern soll und dabei Stand jetzt sogar als Favorit gilt. Brown war in der vergangenen Saison der Lichtblick in einer schwachen Mannschaft von Eintracht Frankfurt und bei der WM der Lichtblick in einem schwachen DFB-Team.
Anders als der angeschlagene Davies konnte sich Brown bei der Asienreise einspielen und Trainer Vincent Kompany empfehlen. Unabhängig von seinem besseren Fitnesszustand ist Brown technisch versierter und hat ein besseres Spielverständnis als Davies, der sich seinerseits eher durch seine Athletik und Schnelligkeit auszeichnet. Spieler mit einem Stärkenprofil wie Davies leben noch mehr als andere von ihrer Fitness, gesundheitliche Probleme bremsen sie (im wahrsten Sinne des Wortes) übermäßig aus - und genau so kam es zuletzt bei Davies.
Eine Statistik belegt das ganz besonders: In seinen ersten sechs Spielzeiten beim FC Bayern zählte Davies stets zu den schnellsten Spielern der Bundesliga. Sein jährlicher Topspeed bewegte sich zwischen 35,97 km/h und dem absoluten Bestwert von 36,53 km/h in der Saison 2022/23. Seit seinem Comeback kommt er jedoch maximal auf 35,11 km/h. Ein krasser Abfall und ligaweit lediglich Platz 39 in der vergangenen Saison. Auf Rang elf dagegen mit 35,78 km/h: Nathaniel Brown.
Tatsächlich weist der Neuzugang also nicht nur ein breiteres Stärkenprofil als Davies auf, sondern schlug ihn zuletzt sogar in seiner Paradedisziplin. Womöglich um diesen Umstand ganz nebenbei in der breiten Öffentlichkeit zu platzieren, nannte Brown bei seiner offiziellen Vorstellung neben "Gespür für Räume" auch "Tempo" als seine größte Stärke.
Saison
Topspeed Alphonso Davies
2019/20
36,51 km/h
2020/21
35,97 km/h
2021/22
36,08 km/h
2022/23
36,53 km/h
2023/24
36,1 km/h
2024/25
36,24 km/h
2025/26
35,11 km/h
Davies könnten sich in dieser Saison theoretisch aber auch auf einer anderen Position Einsatzchancen bieten - und zwar auf Linksaußen, wo er in der Vergangenheit regelmäßig für die kanadische Nationalmannschaft spielte. Luis Diaz ist dort unumstritten. Sofern er aber Pausen braucht oder gar ausfällt, wird es dünn.
Als nominelle Alternative ist das auf höchstem Niveau unerfahrene Eigengewächs Arijon Ibrahimovic eingeplant. Aushelfen können Zentrumsspieler wie Musiala, Gnabry oder Saibari. Beim Freundschaftsspiel gegen den Jeju SK FC testete Kompany links vorne Bara Ndiaye, gute Akzente setzte in der Vorbereitung zudem der erst 17-jährige Maycon Cardozo. Denkbar, dass Kompany hier auch mal mit Davies experimentiert.
Grundsätzlich glaubt (oder besser: hofft) man beim FC Bayern noch auf eine Rückkehr Davies' zu alter Stärke. "Ausgeschlossen" sei demnach ein Verkauf in dieser Transferperiode, wie Sportvorstand Max Eberl ausgerechnet bei Browns Vorstellung betonte. Zumal auch weiche Faktoren für Davies sprechen. Mit seiner positiven Art gilt er als Stimmungskanone. Qua Nationalität ist er wichtig für die Reichweite auf dem nordamerikanischen Markt, ganz ähnlich wie Min-Jae Kim auf dem asiatischen. Letztlich aber geht es um sportliche Leistungen.
Im Alter von 25 Jahren steht Davies am Scheideweg. Sollte er den Konkurrenzkampf mit Brown verlieren und eine weitere enttäuschende Saison spielen, dürfte er sich schnell in einer Situation wie einst Gnabry, Goretzka, Coman oder Choupo-Moting wiederfinden. Er würde intern als zu teuer für seinen sportlichen Stellenwert erachtet werden und damit automatisch als Verkaufskandidat gelten. Davies könnte in diesem Fall jedoch entspannt auf seinen noch bis 2030 geltenden, hochdotierten Vertrag verweisen.
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