Klopp sucht beim DFB-Team die völlige Abgrenzung zu Nagelsmann | Goal.com Deutschland

Die Pressekonferenz zur Kaderbekanntgabe lief etwa eine halbe Stunde, da stand Jürgen Klopp vor einem kleinen Rätsel. Es ging darum, welche erfolgreiche Vereinstrainer später Bundestrainer wurden. Hansi Flick nannte Klopp schnell, dann fiel ihm keiner mehr ein. "Wer denn?", fragte er in die Runde. Die Antwort: Julian Nagelsmann.
"Oh ja, sorry", rief Klopp und da schwante ihm schon, dass das Schlagzeilen produzieren könnte. "Macht die Geschichte, die ihr machen wollt", befand Klopp und betonte dann ausführlich seinen größten Respekt vor Nagelsmann. Selbstverständlich wurden sofort Erinnerungen wach an Klopps legendären "Noch"-Spruch im Vorfeld der WM. Als er selbst TV-Experte und Nagelsmann noch Bundestrainer war.
Tatsächlich war das bei Klopps Pressekonferenz der einzige ganz kleine Schwenk in die düstere jüngere DFB-Vergangenheit. Ansonsten versuchte er sehr glaubhaft, bei sämtlichen Themen den Blick auf das Positive zu lenken, Zuversicht zu wecken für eine bessere Zukunft. Für die Nationalmannschaft, aber auch für Deutschland generell.
44 Spieler berief Klopp in sein erstes Aufgebot, verpackt in insgesamt zwei Kader für die anstehenden vier Nations-League-Spiele. Mit dabei sind natürlich etliche bekannte langjährige Nationalspieler, aber auch 16 teilweise sehr unbekannte Debütanten wie Mika Baur von Celtic Glasgow, die selbst niemals mit Nominierungen gerechnet haben. Klopp vermittelt: Alles ist möglich!
Nagelsmann war abgesehen von diesem kleinen Quiz kein Thema der Pressekonferenz, aber gewissermaßen dennoch omnipräsent. Tatsächlich griff Klopp teils sehr offensiv etliche Kritikpunkte auf, die Nagelsmann in den vergangenen Monaten vorgeworfen wurden, und beteuerte jeweils energisch seine grundlegend andere Herangehensweise.
Da wäre Joshua Kimmich, den Nagelsmann als Rechtsverteidiger eingesetzt hatte. "Nicht in einem Gespräch, das ich mit meinen Trainerkollegen geführt habe, wurde er als Rechtsverteidiger aufgeführt", sagte Klopp. "Wir sehen ihn als Mittelfeldspieler." Und weiterhin als Kapitän, wie er bestätigte.
Den immer wieder geäußerten Einwand, es gäbe in Deutschland rechts hinten keine ordentlichen Alternativen zu Kimmich, wischte Klopp weg. Der von ihm erstmals nominierte Freiburger Philipp Treu müsse sich laut Klopp bei dieser Debatte fragen: "Hä, worüber reden die?" Auch Josha Vagnoman vom VfB Stuttgart führte er als hoffnungsvollen Kandidaten auf.
Apropos Stuttgart: Hier fällt Klopps Abgrenzung zu Nagelsmann ganz besonders auf. Sieht man vom im Sommer zu Besiktas Istanbul gewechselten Alexander Nübel ab, hatte Nagelsmann mit Deniz Undav, Angelo Stiller und Jamie Leweling für die WM drei Stuttgarter nominiert. Und Klopp? Verzichtete auf exakt dieses Trio und berief stattdessen mit Vagnoman, Chris Führich, Finn Jeltsch und Maximilian Mittelstädt vier andere. Klar, Undav, Stiller und Leweling hatten zuletzt mit Blessuren zu kämpfen - sie standen aber auch jeweils in allen bisherigen Bundesligaspielen auf dem Platz.
Ebenfalls nicht dabei sind die beiden Nagelsmann-Lieblinge, über die in den vergangenen Jahren wohl die kontroversesten Debatten im DFB-Team geführt wurden: Leroy Sane und der aktuell ohnehin angeschlagene Leon Goretzka. Klopp will ihre Nichtnominierungen (genau wie die von Undav und Stiller) explizit nicht als endgültig gewertet wissen. Gleichzeitig verriet er jedoch auch, dass er bisher keine Gespräche mit ihnen geführt habe. Im Gegensatz zu fast allen anderen entfernt interessanten deutschen Fußballern.
"Ich war in den letzten vier Wochen ein bisschen unterwegs, habe viele, viele Spieler persönlich getroffen, gesehen, ob auf dem Trainingsplatz oder im Gespräch", berichtete Klopp. Zur Verdeutlichung schob er hinterher: "Gesehen, physisch vor mir gehabt. Der Unterschied ist schon groß von dem Bild, das ich vorher hatte. Es macht einen großen Unterschied, um ein Gefühl für einen Fußballer zu entwickeln, dass man ihn live sieht."
Man kann diese Sätze durchaus als kleinen versteckten Seitenhieb gegen Nagelsmann gewertet wissen. Mangelhafte Kommunikation und fehlende persönliche Besuche bei den Klubs und in den Stadien waren jedenfalls Kritikpunkte, die Nagelsmann gerne vorgeworfen worden sind. Mit seiner völlig konträren Herangehensweise und auch mit Nominierungen von Spielern kleinerer Klubs wie Augsburg oder Elversberg übermittelt Klopp dagegen, dass er ganz Fußball-Deutschland dabei haben will beim Neustart der Nationalmannschaft.
Um die mit dieser Nominierung und seiner Pressekonferenz zweifelsohne ausgelöste Euphoriewelle weiterzureiten, braucht es - wie immer im Fußball - aber auch positive Ergebnisse. In der Nations League warten direkt schwierige Aufgaben mit dem Auswärtsspiel gegen die Niederlande zum Auftakt und anschließend drei weiteren Partien gegen zweimal Griechenland und Serbien.
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