Beleidigter Superstar: Lionel Messi zeigt Cristiano Ronaldo, wie eine Legende in Würde reift | Goal.com Deutschland

Der vorzeitige Abgang aus dem Camp der portugiesischen Nationalelf offenbart etwas, das in der Karriere von Cristiano Ronaldo stets der Fall war: Sein Verhältnis zur eigenen Bedeutung pendelt seit Jahren zwischen außergewöhnlicher Professionalität und ausgeprägter Selbstbezogenheit. Nun hat mal wieder Letzteres die Oberhand gewonnen.
Wer allerdings eine Nationalmannschaft als Kapitän anführt, trägt Verantwortung. Auch dann, wenn die eigene Rolle kleiner wird - gerade dann. Ronaldo war zuletzt gegen Norwegen von Trainer Jorge Jesus zum Aufwärmen geschickt, dann aber nicht eingesetzt worden. Dass jemand mit Ronaldos Status davon nicht begeistert ist, ist nachvollziehbar. Dass er deshalb abrupt und eingeschnappt abreist, nicht.
Es wird wohl ein letzter, lauter Akt seiner Karriere in der Selecao werden, die natürlich ein viel würdigeres Ende verdient hätte. Ronaldo hätte die Entscheidung des Trainers hinnehmen, sich in den Dienst der Mannschaft stellen und seine Rolle als Teilzeitkraft erhobenen Hauptes akzeptieren können. Stattdessen steht nun wieder CR7 selbst im Mittelpunkt.
Genau darin liegt die Tragik seines Abgangs: Ronaldo, der Portugal über zwei Jahrzehnte geprägt hat, verabschiedet sich nicht als großer Kapitän, sondern als beleidigter Superstar. Das wirkt gockelhaft, egoistisch und ist vor allem komplett unnötig. Ronaldos Leistungen für die Nationalelf können dadurch nicht ausgelöscht werden, zahllose Tore und der Gewinn der EM 2016 bleiben Teil seiner Geschichte. Doch ein großes Vermächtnis schützt nicht vor einem dämlichen letzten Kapitel.
Wie anders ein solcher Abschied aussehen kann, sieht man just dieser Tage bei Ronaldos ewigem Rivalen Lionel Messi. Der Argentinier erklärte Ende August seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Nach dem verlorenen WM-Finale zog Messi einen Schlussstrich und begründete ihn unter anderem damit, dass jüngere Spieler ihren Platz verdienten.
Am 6. Oktober erhält er ein offizielles Abschiedsspiel und von der Universität von Buenos Aires die Ehrendoktorwürde. Mit der Begründung, Messi sei ein "Beispiel für Exzellenz und Bescheidenheit". Das ist der große Unterschied zwischen den beiden: Messi zeigt, wie eine Legende in Würde reift, Ronaldo dagegen geriert sich als Selbstdarsteller, weil ihm offenbar nicht mehr die Rolle zugestanden wird, die er für sich beansprucht.
Trotzdem sollte man in Portugal aufatmen. Vielleicht tut es die Mannschaft sogar. Denn Ronaldos Abgang ist das Beste, was ihr passieren konnte. Er dürfte rein sportlich eine Befreiung sein.
Ronaldo ist für das Team in der jüngeren Vergangenheit immer mehr zum Hemmschuh geworden. Sein Tempo ist nicht mehr das von früher. Seine Laufleistung und seine Arbeit gegen den Ball reichen nicht mehr aus für die Anforderungen an ein Spitzenteam. Es schien, als würde seine bloße Präsenz das mannschaftliche Gefüge hemmen.
Ronaldo kann im Strafraum gewiss weiterhin gefährlich sein und mit seinem Abschluss Spiele entscheiden. Doch damit dies passiert, was zuletzt ohnehin immer seltener der Fall war, muss Portugals Spiel auf einen Spieler zugeschnitten werden, der selbst kaum noch in der Lage ist, große Teile des Spiels aktiv mitzugestalten. Ronaldo ist mit 41 Jahren nicht mehr die Naturgewalt von 2014. In Portugal wird aber teils so getan, als wäre er es noch.
Für Coach Jesus eröffnet sich damit eine Möglichkeit, die er zuvor kaum hatte. Ronaldos Ex-Coach bei Al-Nassr kann nun eine portugiesische Mannschaft nach seinen Vorstellungen formen, ohne ständig erklären zu müssen, ob und warum Ronaldo spielt oder eben nicht.
Portugals Nationalteam steht damit unweigerlich vor einem Neustart, bei dem die hochbegabte Generation um Bruno Fernandes, Joao Neves oder Vitinha endgültig aus Ronaldos Schatten treten kann. CR7 geht dagegen als unverbesserlicher Egozentriker ohne Anstand und beweist einmal mehr, dass für ihn das eigene Denkmal schwerer wiegt als das Wohl des Kollektivs.
Länderspiele
Tore
Vorlagen
Gelbe Karten
Rote Karten
234
146
45
32
1
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