Früher keine Lust auf NLZ, jetzt Topscorer der Bundesliga - nur Michael Olise vom FC Bayern München kommt auf seine Zahlen | Goal.com Deutschland

In der schwierigen, weil größtenteils im Abstiegskampf zugebrachten vergangenen Saison von Werder Bremen war Marco Grüll einer der Spieler, die sich häufig besonders schwer taten. In 33 Bundesliga-Einsätzen brachte der Österreicher gerade einmal vier direkte Torbeteiligungen zustande. Im Zeitraum von Ende Oktober 2025 bis zum Saisonabschluss Mitte Mai 2026 war gar ein Treffer beim 4:1 bei Union Berlin Anfang März Grülls einziger Scorerpunkt. Eine ziemlich maue Ausbeute für einen Offensivspieler.
Umso erstaunlicher ist, wie furios der im Sommer mitunter schon als Verkaufskandidat geltende Grüll in die Spielzeit 2026/27 gestartet ist. Die Zahlen aus der Vorsaison hat er schon nach vier Spieltagen übertroffen, in der Liga stehen für ihn bereits sechs Scorerpunkte zu Buche (zwei Tore, vier Assists).
Harry Kane, Serhou Guirassy, Luis Diaz, Deniz Undav - sie alle stellt Werders Senkrechtstarter bis dato mehr oder weniger deutlich in den Schatten. Der Einzige, der zu diesem zugegebenermaßen sehr frühen Saisonzeitpunkt mit Grüll mithalten kann, ist kein Geringerer als Michael Olise. Mit dem Superstar von Bayern München, der ebenfalls bei sechs direkten Torbeteiligungen steht (vier Treffer, zwei Assists), teilt sich der Bremer Platz eins in der Scorerliste der Bundesliga.
"Ich weiß nicht, ob wir bei Werder Bremen Marco Grüll schon mal in einer besseren Verfassung gesehen haben", sagte Trainer Daniel Thioune nach der letzten Partie vor der Länderspielpause, als Grüll mit einem Tor und zwei Assists entscheidend zu Werders spektakulärer Aufholjagd beitrug, die in einem wichtigen 3:2-Heimsieg gegen den FC Augsburg mündete. Nach schönem Dribbling hatte er voller Überzeugung den 1:2-Anschluss hergestellt, der durchaus glücklich zustande gekommenen Vorarbeit für Niclas Füllkrugs Ausgleichstor folgte letztlich noch ein kluger Rückpass auf Siegtorschütze Mitchell Weiser.
BVB
Bundesliga
09. Okt. 2026
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Es war bereits Grülls zweiter Gala-Auftritt vor heimischer Kulisse in der noch jungen Spielzeit, schon beim 3:1 gegen Champions-League-Teilnehmer RB Leipzig Anfang September hatte er geglänzt, je ein Tor und Assist beigesteuert. Neben dem rasant gestiegenen Standing bei Werder bekam Grüll für seine Topform noch eine weitere Belohnung, wurde erstmals seit zehn Monaten und nach verpasster WM wieder für die österreichische Nationalmannschaft nominiert.
Er, der einen für einen Nationalspieler eher ungewöhnlichen Weg nach oben einschlug. Denn Grüll spielte nie im Nachwuchs eines der großen österreichischen Klubs. Zwar habe er "mit 13, 14 Jahren" die Chance gehabt, "in eine Akademie zu gehen. Ich wollte aber lieber zu Hause bleiben, weil ich mich im Dorf mit meinen Freunden und der Familie einfach wohler gefühlt habe", erklärte Grüll nach seinem Werder-Wechsel 2024 im Bild-Interview. Statt Jugendfußball auf hohem Niveau spielte er früh Erwachsenenfußball, wechselte mit 17 zum österreichischen Drittligisten TSV St. Johann und war dort schnell Stammspieler.
Profi war er damals noch nicht, spielte Fußball stattdessen noch nebenbei und arbeitete ganz normal. Zunächst als Verkäufer bei einem Sportartikel-Händler, allerdings wurde es ihm "meinen Kollegen gegenüber irgendwann unangenehm, ständig Samstag nicht arbeiten zu können. Also wechselte ich zur Post." Sein Alltag damals: Von sieben bis 14 Uhr Briefe austragen, danach trainieren und am Wochenende für die Spiele frei. "Man weiß es ganz anders zu schätzen, wenn es plötzlich nur noch den Fußball gibt", betonte er, dass das Profi-Dasein angesichts seines Werdegangs für ihn nie selbstverständlich werden könne.
Gerade 20 geworden und weiterhin in der dritten Liga Österreichs zuhause, gab sich Grüll vor der Saison 2018/19 selbst die letzte Chance, sich den Profitraum noch zu erfüllen. "Jetzt oder nie, sonst hätte ich etwas anderes gemacht und wäre vielleicht noch bei der Post", erzählte er. Doch es klappte, nach einer überragenden Hinrunde mit 19 Toren in 17 Drittligaspielen lockte Anfang 2019 der damalige Zweitligist SV Ried, bei dem er auf Anhieb durchstartete und mit dem er eineinhalb Jahre später in Liga eins aufstieg. 2021 folgte der Transfer zum österreichischen Topklub Rapid Wien, seit 2024 trägt Grüll das Werder-Trikot.
Nach einer ordentlichen ersten Saison im deutschen Oberhaus und der schwachen vergangenen Spielzeit war in der Sommervorbereitung nicht abzusehen, wie spektakulär Grüll 2026/27 angehen würde. Zumal die Konkurrenz in der Offensive für den 28-Jährigen, der in den beiden zurückliegenden Jahren bei Werder als klassischer Allrounder galt und mal Mittelstürmer, mal rechts, mal links und mal als hängende Spitze spielte, mit den namhaften Verstärkungen Eren Dinkci, Niclas Füllkrug und Cedric Itten ziemlich groß wurde. Noch dazu überzeugte er in den Wochen vor Saisonstart keineswegs, was Grüll jedoch nicht aus der Ruhe brachte.
Er habe eine "Spielweise, bei der ich schon im Saft sein muss", erklärte er nach dem Augsburg-Spiel, in dem er zum Man of the Match gekürt wurde. "Deswegen ist es mir lieber, wenn ich in der Saison performe." Und genau das tat Grüll zuletzt ja in beeindruckender Manier, half Werder mit seinen beiden größten Qualitäten - hohe Geschwindigkeit und exquisiter Abschluss mit einem guten Mix aus Wucht und Technik - enorm weiter.
"Man nimmt ihn immer als Kaderspieler wahr", gab Thioune jüngst zu bedenken, dass Grüll zuweilen unterschätzt werde. "Man ist immer froh darüber, dass er fleißig arbeitet, dass er sich an taktische Inhalte hält und dass er dann grundsätzlich auch immer zuverlässig ist - aber das will ja kein Fußballer über sich hören", führte Bremens Coach aus und verriet, dass er und sein Stab Grüll auch ein bisschen in die nun eingeschlagene Richtung schubsten: "Da haben wir ihn vielleicht darauf hingewiesen, dass er jetzt auch mal Qualitäten zeigen kann, die er ja besitzt", so Thioune.
Samuel Mbangula, vergangenes Jahr für satte zehn Millionen Euro Ablöse von Juventus Turin verpflichtet und derzeit an den FC Bologna verliehen, vermisst in Bremen aktuell jedenfalls niemand. Mbangula wäre ein Hauptkonkurrent Grülls gewesen, der auch davon profitiert, dass Thioune ihn nun konstant auf seiner vermeintlich besten Position auf dem linken Flügel ran lässt. "Von links nach innen zu ziehen und mit rechts abzuschließen, das ist seine Waffe", betonte Werders Leiter Lizenzbereich Peter Niemeyer schon im Sommer. Bevor Grüll den Raketenstart hinlegte, der im Optimalfall als Grundstock für die vielleicht beste Saison seiner bisherigen Karriere dient.
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