Er hat drei Traditionsklubs auf dem Gewissen: Der Mann, der als Vereins-Zerstörer im Fußball verrufen ist | Goal.com Deutschland

Şu adreste yayınlandı 01 Oct 2026 | Okuma zamanı: 1 dakikaEr hat drei Traditionsklubs auf dem Gewissen: Der Mann, der als Vereins-Zerstörer im Fußball verrufen ist | Goal.com Deutschland

Wer den Namen Girondins Bordeaux hört, denkt nicht nur an ganz viel Fußballtradition und -romantik, sondern auch an einen Klub, der einst zu den größten und erfolgreichsten in Frankreich gehörte. Er denkt an Zinedine Zidane, der in den 1990er Jahren in Bordeaux Nationalspieler wurde, mit Girondins 1996 im UEFA-Cup-Finale dem FC Bayern unterlag und danach zu Juventus Turin wechselte.

Er denkt an die letzte Meistermannschaft 2009 um den kurzzeitig sogar als Zidane-Erbe ausgerufenen genialen Spielmacher Yoann Gourcuff, der die von Abwehrikone Laurent Blanc trainierten Girondins zum sechsten und für mindestens noch sehr, sehr lange Zeit letzten französischen Meistertitel führte. In der Saison darauf stand Bordeaux dann sogar im Viertelfinale der Champions League.

Gerade einmal etwas mehr als eineinhalb Jahrzehnte ist das her. Die Realität, in der sich Girondins Bordeaux 2026 befindet, heißt: Regionaler Fußball statt europäischer Spitzenfußball. Bis in die sechste Liga ist der stolze Verein aus der Großstadt im Südwesten Frankreichs abgestürzt - oder besser gesagt: Bordeaux würde gerne in der Regional 1, der sechsthöchsten Spielklasse des Landes, vergleichbar mit der Verbandsliga, spielen.

Zu den Hintergründen später mehr, zunächst zu einem der Hauptverantwortlichen. Zwar wäre es keineswegs fair, Gerard Lopez die alleinige Schuld am beispiellosen Niedergang des sechsmaligen Meisters zu geben. Doch mit dem Einstieg des luxemburgisch-spanischen Unternehmers im Sommer 2021 beim damals noch erstklassigen Klub begann Bordeaux' traurige Abwärtsspirale eben so richtig. Und das Erschreckende: Lopez' Name steht auch in direkter Verbindung zum Niedergang von zwei weiteren Traditionsvereinen: Royal Excel Mouscron aus Belgien gibt es inzwischen längst gar nicht mehr. Und bei Boavista Porto, portugiesischer Meister von 2001, wird nach einem fatalen Absturz in die fünfte Liga aktuell auch nicht mehr gespielt.

Da kann sich der OSC Lille noch geradezu glücklich schätzen. Die Franzosen tragen gewissermaßen das Siegel des einzigen Klubs, der eine Übernahme durch Gerard Lopez schadlos überstanden hat und heute noch da ist, wo er auch davor stand. Anfang 2017 war Lille der erste Klub gewesen, bei dem sich der Geschäftsmann einkaufte. Beim LOSC endete sein Engagement zwar bei weitem nicht so verheerend wie bei seinen drei folgenden Projekten, als gesunde Ergänzung eines Vereins erwies sich Lopez allerdings auch dort nicht.

"Er hat das ideale Profil, um mit Lille erfolgreich zu sein", hatte sich Michel Seydoux, zuvor knapp 15 Jahre lang Klubpräsident, vom Verkauf an Lopez Großes erhofft. Der hatte nach seinem Einstieg ein 225 Millionen Euro schweres Darlehen bei der amerikanischen Investmentgesellschaft Elliott Managements aufgenommen, das später allerdings nicht rechtzeitig zurückgezahlt werden konnte. Lopez musste Ende 2020 daher gehen und hinterließ Lille einen riesigen Schuldenberg, den die Franzosen dank teurer Starverkäufe wie jene von Nicolas Pepe (für 80 Millionen Euro an den FC Arsenal), Victor Osimhen (für 78,9 Millionen Euro an die SSC Neapel) oder Gabriel (für 26 Millionen Euro an den FC Arsenal) tilgen konnten.

Lopez, einst am milliardenschweren Verkauf von Skype beteiligt, war zwischen 2010 und 2015 auch Besitzer des ehemaligen Formel-1-Teams Lotus, auch dort endete sein Engagement in finanzieller Schieflage und er musste verkaufen. Im Fußball fasste er im Sommer 2020, als das Scheitern in Lille bereits absehbar war, die nächste Aufgabe ins Auge und kaufte sich bei Royal Excel Mouscron ein. Zumindest offiziell sprach Lopez noch davon, den finanziell angeschlagenen belgischen Erstligisten auch als einen Partnerklub für das nahe gelegene Lille etablieren zu wollen. Doch der Fokus lag ausdrücklich auf Mouscron selbst, mittelfristig wollte er mit dem Verein aus der direkt an der belgisch-französischen Grenze gelegenen Stadt in der nationalen Spitzengruppe mitspielen.

Stattdessen stieg Royal Excel nur ein Jahr nach Lopez' Ankunft in die zweite Liga ab, ehe in der zweiten Saison unter dem wohlhabenden und mit großen Versprechungen angetretenen Besitzer das komplette Chaos ausbrach. Gehälter wurden nicht pünktlich ausgezahlt, weshalb die Spieler im Januar 2022 in den Streik traten und das Training verweigerten. "Der Präsident sagt uns, wir sollen Lopez vertrauen, dass er seine Versprechen immer einhält. Aber wir dürfen uns nichts mehr vormachen. Wir haben das Vertrauen in die Vereinsführung verloren", polterte Mouscrons damaliger Kapitän Christophe Lepoint schon Wochen zuvor bei Notele. Einige Monate später erklärte Mouscrons Vorstand den Klub für bankrott, seit Sommer 2022 gibt es den Verein schlichtweg nicht mehr.

Ein ähnliches Schicksal droht mit Boavista Porto nun auch einem weiteren Eintrag in Lopez' Portfolio aus der Hölle: Bei dem portugiesischen Traditionsklub war der Geschäftsmann im Oktober 2020 eingestiegen und dann von Sommer 2021 an bis Ende Juni dieses Jahres Vereinseigentümer.

Boavista ist ein stolzer Klub aus der fußballverrückten Stadt im Norden des Landes und brachte mit dem Sensationstitel im Jahr 2001 das Kunststück fertig, der einzige portugiesische Meister der vergangenen 80 Jahre zu sein, der nicht Benfica, Sporting oder FC Porto hieß. Wie bei Lille und Mouscron kam Lopez auch bei Boavista in einer finanziell ohnehin schon angespannten Lage als potenzieller Retter. Doch stattdessen wurde er nur zu einem entscheidenden Eckpfeiler des endgültigen Absturzes.

Die Probleme des Klubs verschärften sich unaufhörlich weiter, schon lange konnten sich Spieler auf die Zahlung ihrer Gehälter nicht mehr verlassen. Der US-amerikanische Rechtsverteidiger Reggie Cannon (mittlerweile bei Colorado Rapids in der MLS), von 2020 bis 2023 bei Boavista, soll in 29 Monaten nur ein einziges Mal pünktlich bezahlt worden sein, der Verein wurde später zur Zahlung einer Entschädigung in Höhe von 400.000 Euro an Cannon verdonnert. Die FIFA brummte Boavista aufgrund der ausbleibenden Gehaltsausschüttungen indes 2023 eine für fünf Transferphasen andauernde Transfersperre auf, was auch die sportlichen Schwierigkeiten vergrößerte.

Am Ende der Saison 2024/25 stand der Abstieg aus der ersten Liga zubuche, einige Wochen zuvor war es sogar so weit gekommen, dass der Strom im Stadion wegen unbezahlter Rechnungen abgestellt wurde. Und weil die Vereinsführung um Lopez nicht in der Lage war, beim portugiesischen Fußballverband Boavistas wirtschaftliche Überlebensfähigkeit nachzuweisen, stürzte man aufgrund mehrerer verweigerter Lizenzen im Sommer 2025 bis in die fünfte Liga ab. Bezirksstaffel statt Profifußball bedeutete das.

Gut zwölf Monate später steht Boavista nach 103 Jahren Geschichte vor dem absoluten Nichts. Die monatliche Gebühr, die der insolvente Klub für die Verlängerung des Insolvenzverfahrens hätte zahlen müssen, konnte nicht fristgerecht hinterlegt werden. Daher ist Boavista seit Ende Juli vom Spielbetrieb ausgeschlossen, gekickt wird aktuell also überhaupt nicht. Unter anderem aus den Erlösen des Verkaufs eines Sondertrikots probieren die, denen der Verein so viel bedeutet, Boavista noch zu retten. Ausgang offen.

Gerard Lopez ist jedenfalls nicht mehr dabei. Womit wir bei Bordeaux wären, dem dritten und wohl prominentesten Beispiel der Vereine, die unter Lopez' Ägide zugrunde gingen. Zur Wahrheit gehört freilich, dass den einstigen Zidane-Klub schon lange monetäre Probleme plagten. 2018 stieg der US-amerikanische Fonds Kings Street ein, das Engagement war jedoch alles andere als nachhaltig und im Frühjahr 2021 verkündete Kings Street, "den Verein nicht mehr unterstützen und seine aktuellen und zukünftigen Bedürfnisse nicht mehr finanzieren" zu wollen.

Auch sportlich war es seit 2018 konstant bergab gegangen, von einem ständigen Europapokalanwärter mit Ausschlägen nach ganz oben verkam Bordeaux zu einer grauen Maus im Mittelfeld des Tableaus mit wachsenden Sorgen in Richtung unterer Tabellenregionen. Gerard Lopez sollte den Umschwung einleiten, übernahm den Verein im Sommer 2021. Was die Entwicklung auf dem Platz angeht, ging das rasch offensichtlich schief, 2022 stieg Girondins als Tabellenletzter in die Ligue 2 ab, war damit erstmals seit 30 Jahren wieder zweitklassig.

Lopez indes ging wohl ziemlich naiv an die Sache heran, worauf Aussagen von Jean-Marc Mickeler, Leiter des französischen Fußball-Finanzaufsichtsgremiums DNCG, schließen lassen: "Zu hohe Schulden, zu wenig Eigenkapital und zu optimistische Prognosen hinsichtlich der Qualifikation für die Champions League und des Verkaufs von Stammspielern", nannte Mickeler gegenüber L'Equipe als Ursachen für Bordeaux' riesiges Dilemma. Vielsagend fügte er an: "Wir hatten von Anfang an davor gewarnt."

Zwar nahm Bordeaux mit dem Verkauf von teilweise aus der renommierten eigenen Nachwuchsakademie stammenden Talenten immer wieder Geld ein, verkaufte beispielsweise 2022 Sekou Mara (heute Racing Straßburg) für 11,5 Millionen Euro an den FC Southampton oder 2023 Dilane Bakwa (heute OSC Lille, ausgeliehen von Nottingham Forest) für zehn Millionen Euro an Straßburg. Doch das reichte offensichtlich nicht aus.

Sinkende Einnahmen in Liga zwei trugen derweil zur weiteren Verschuldung bei, dramatischerweise wurde der direkte Wiederaufstieg 2023 nur ganz knapp verpasst. Ein zweites Jahr als Zweitligist schadete Bordeaux, das auch sportlich arg abbaute und 2023/24 nur Zwölfter wurde, so sehr, dass man in die vierte Liga zwangsabsteigen musste. Ein Schuldenberg in Höhe von rund 100 Millionen Euro machte das Horrorszenario unumgänglich.

In den vergangenen beiden Jahren, in denen Bordeaux in Liga vier vergeblich um den Aufstieg mitspielte, schreckte die wirtschaftlich so enorm missliche Lage so manchen potenziellen neuen Investoren ab. Im Frühjahr 2025 interessierte sich Ex-Bayern-Boss Oliver Kahn für einen Einstieg, entschied sich letztlich aber doch dagegen: "Nach Prüfung der finanziellen, operativen und rechtlichen Informationen, die uns schließlich Ende letzter Woche zur Verfügung gestellt wurden, haben wir uns entschieden, nicht die geplanten rund 50 Millionen Euro zu investieren, um den FCGB wieder dorthin zu bringen, wo er hingehört - in die Ligue 1", erklärte Kahn im Juni 2025 bei LinkedIn.

Vereinsikonen wie Bixente Lizarazu machten derweil ihrem Unmut über die Entwicklung ihres Ex-Klubs Luft und knöpften sich Lopez vor: "Ich bin angewidert wie alle, die diesen Verein lieben. Aber was hier passiert, ist leider die Folge einer seit vielen Jahren katastrophalen sportlichen und finanziellen Führung", schimpfte 1998er-Weltmeister Lizarazu, der insgesamt fast 300 Spiele für Bordeaux absolvierte. "Seit der Ankunft von Gerard Lopez ist es unverständlich und stur geworden", so der ehemalige Bayern-Profi weiter.

2026 kam es für Bordeaux dann bekanntlich sogar noch schlimmer als es ohnehin schon war: Der nächste Zwangsabstieg wurde besiegelt. Die wirtschaftliche Absicherung der Durchführung der Saison 2026/27 konnte von Lopez nicht nachgewiesen werden, es klafft ein Haushaltsloch in Höhe von neun Millionen Euro. Aus dem nationalen Fußballbetrieb, der die obersten fünf Spielklassen betrifft, wurde Bordeaux daher ausgeschlossen. Heißt: Neustart in der Regional 1, der sechsten Liga. Wenn überhaupt.

Denn bis dato konnte Girondins in Liga sechs noch kein Spiel bestreiten. Der Hintergrund: So lange Lopez keinen Käufer gefunden hatte und sogar die Liquidation des Vereins drohte, verweigerte der Fußball-Verband der Region Nouvelle-Aquitaine Bordeaux' Teilnahme am Spielbetrieb.

Immerhin: Inzwischen gibt es Licht am Ende des Tunnels. Wie am Mittwoch verkündet wurde, hat der britische Investmentfonds Park Bench eine Einigung darüber erzielt, Lopez den Verein abzukaufen - für den symbolischen Preis von einem Euro. Park Bench übernimmt die immensen Schulden der Girondins und im besten Fall könnte Bordeaux am 5. Spieltag Mitte Oktober in die Saison der Regional 1, Poule B einsteigen. Gegner des einstigen Meisters und Champions-League-Teilnehmers wäre dann Aviron Bayonnais FC II. Die zweite Mannschaft eines Viertligisten.

In der Coupe de France, beziehungsweise einer Art Qualifikationsrunde des französischen Äquivalents zum DFB-Pokal, durfte Bordeaux diese Saison übrigens schon antreten - und bekam von einem Viertligisten die Grenzen aufgezeigt. 1:5 hieß es gegen Angouleme Charente FC nach 90 Minuten, ein früher Führungstreffer Girondins' in der 5. Minute wurde postwendend ausgeglichen und nach nicht einmal einer Viertelstunde lag der Favorit dann schon 3:1 vorne. "Sie sind erfahrener als wir", räumte Bordeaux' Mittelfeldspieler El Hadji Mboup nach der herben Niederlage bei Scap FM einen erkennbaren Klassenunterschied ein, verbreitete inmitten all der Negativschlagzeilen aber auch Optimismus: "In der Regional 1 (sechste Liga, d. Red.) können wir mit dieser Mannschaft etwas reißen. Ich habe natürlich große Lust, den Klub wieder nach oben zu bringen."

Sollte man nun zumindest in der Regional 1 endlich wieder spielen können, ist das wahrscheinlich das einzig Positive: Jetzt kann es ja wirklich nur noch bergauf gehen. Nachdem sich Girondins Bordeaux in den fünf Jahren seit der Ankunft von Gerard Lopez von einem kriselnden Erstligisten zu einem Sechstligisten entwickelt hat, dem sogar die gänzliche Auslöschung drohte. Eine solche war für Royal Excel Mouscron mit dem Namen Gerard Lopez verbunden, für Boavista Porto könnte es gut und gerne noch so kommen. Und wenn nicht, dann ist der einstige Sensationsmeister nur noch in den Niederungen des portugiesischen Amateurfußballs zuhause.


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