Heute Abend steht das Hinspiel an: Schafft es ein ehemaliges Schalke-Talent in Aserbaidschan in die Champions League? | Goal.com Deutschland

Als sich Joy-Lance Mickels im Sommer 2021 dazu entschied, nach Aserbaidschan zu wechseln, rief das in seinem Umfeld große Skepsis hervor. "Viele meiner Freunde sagten zu mir: Wenn ich nach Aserbaidschan wechsele, kann ich direkt meine Karriere beenden, weil der Schritt quasi einem Karriereende gleichkommt", erinnerte sich Mickels knapp eineinhalb Jahre später im Interview mit Transfermarkt.
Eine Zukunft in der aserbaidschanischen Liga war sicherlich nicht das, was er sich einst erhofft hatte. Schließlich sorgte der Offensivspieler im Nachwuchs von Borussia Mönchengladbach für Furore, war im U19-Bereich deutschlandweit einer der besten Torjäger und träumte von einer Karriere in der Bundesliga. Daraus wurde zwar (bisher) nichts - doch einen anderen Traum, den von der Champions League, könnte sich Mickels auf dem x-ten Bildungsweg möglicherweise schon bald erfüllen.
Den Unkenrufen seiner Freunde zum Trotz ging Mickels 2021 nach Aserbaidschan, unterschrieb beim erst wenige Jahre zuvor gegründeten Sabah FK. "Aus irgendwelchen Gründen fand ich das Angebot spannend, interessant und exotisch zugleich. Am Ende habe ich mir gedacht: Ich habe nur eine kurze Zeit als Profifußballer. Warum probiere ich es nicht aus? Zumal man unter Umständen an der Europa Conference League teilnehmen kann", backte er Ende 2022 noch deutlich kleinere Brötchen, was die internationalen Ambitionen angeht.
Statt Conference League ist jetzt sogar die Champions League ganz nahe, am Mittwochabend (21 Uhr) steht für Mickels und Co. das Playoff-Hinspiel bei Hapoel Beer Sheva an. Entweder der israelische Meister oder Sabah, einer der beiden Klubs wird kommende Saison seine Premiere in der Königsklasse feiern. Und dass man so nahe an Duellen mit dem FC Barcelona, Real Madrid, dem FC Bayern, Paris Saint-Germain oder dem FC Arsenal dran ist, daran hat Mickels großen Anteil.
Anfang Juli musste Sabah schon in Runde 1 der Champions-League-Quali einsteigen, beim 2:1-Auswärtssieg im Rückspiel beim walisischen Serienmeister The New Saints erzielte Mickels das wichtige Führungstor. In Runde 2 war der gebürtige Siegburger dann auch beim 2:0 im Rückspiel bei KuPs in Finnland erfolgreich, ehe in der 3. Runde der bisher härteste Brocken wartete: Beim dänischen Meister Aarhus GF hatte Sabah das Hinspiel 1:2 verloren, drehte das Duell aber mit einem furiosen 4:0 im Rückspiel vor heimischer Kulisse. Mickels bereitete dabei per klugem Pass den Führungstreffer vor und erzielte später das erlösende dritte Tor selbst.
Kann der Linksaußen mit 32 nun endlich absoluten Spitzenfußball auf dem Platz erleben? Als Gladbacher Nachwuchshoffnung war das einst sein großes Ziel gewesen.
17-mal traf er 2012/13 in seinem zweiten A-Jugendjahr in der damaligen U19-Bundesliga West. Bei einem internen Testspiel gegen die Bundesligamannschaft der Borussia überzeugte er zudem seinerzeit und stellte mit einem Tor seine Treffsicherheit unter Beweis. "Zu diesem Zeitpunkt war ich fest davon überzeugt, dass ich ein Teil der ersten Mannschaft werden würde", betonte Mickels Jahre später.
Doch der sofortige Sprung nach ganz oben blieb ihm zunächst verwehrt, stattdessen sollte er sich über die zweite Mannschaft empfehlen. Bitter: Eine Knieverletzung zwang ihn im ersten Seniorenjahr zu einer monatelangen Pause, lediglich vier Kurzeinsätze für Gladbach II kamen zustande. Ein unverhoffter Anruf aus Gelsenkirchen im Sommer 2014 brachte neue Hoffnung, Schalke wollte Mickels unbedingt für seine Zweitvertretung haben - mit der Perspektive für mehr.
Zwar brachte er seine Knieverletzung noch mit zu S04, nach einigen Wochen waren aber erste Regionalliga-Einsätze möglich. Und Roberto Di Matteo, damals Profitrainer bei Königsblau, war offenbar ziemlich überzeugt von Mickels' Qualitäten, integrierte ihn ins Training der ersten Mannschaft. "Nach dem ersten Training kam Roberto Di Matteo auf mich zu und sagte zu mir: Du bleibst erstmal bei den Profis. Für mich ging in diesem Moment ein Traum in Erfüllung, auch weil Schalke ein unfassbar geiler Verein ist", blickte Mickels zurück.
Schalke war seinerzeit noch ein deutscher Topklub, spielte Champions League und hatte reihenweise Stars in seinen Reihen. "Grandios" sei es gewesen, an der Seite von Kevin-Prince Boateng, Klaas-Jan Huntelaar oder Benedikt Höwedes zu trainieren, schwärmte Mickels.
Der Traum vom Durchbruch bei S04 erfüllte sich jedoch nicht, zu einem Pflichtspieleinsatz kam er nie. "Ich war nicht so professionell, wie ich es hätte sein müssen", gesteht Mickels im Rückblick. Für ihn als jungen Spieler sei es vom Kopf her schwierig gewesen, bei der ersten Mannschaft zu trainieren, aber nur in der Regionalliga zu spielen.
"Wenn ich ehrlich bin, hätte ich jemanden an meiner Seite gebraucht, der mich wachgerüttelt und an die Hand genommen hätte. Nicht jeder Nachwuchsspieler kann alleine gelassen werden. Wenn du als junger Spieler in dieser Blase bist, siehst du alles als Selbstverständlichkeit an. Das ist häufig der Fehler, warum man scheitert", weiß Mickels heute.
2016 beendete er das Kapitel Schalke und versuchte fortan, sich über ambitionierte Regionalligisten für höhere Aufgaben zu empfehlen. Bei Alemannia Aachen und Wacker Nordhausen lieferte Mickels durchaus ab, schaffte es Anfang 2020 mit Carl Zeiss Jena dann erstmals zu einem Drittligisten.
Nach Jenas Abstieg in Liga vier kehrte Mickels, inzwischen 26, dem deutschen Fußball im Sommer 2020 schließlich den Rücken. Und kam ein Jahr später nach einer Saison bei MVV Maastricht in der zweiten niederländischen Liga schließlich beim Angebot aus Aserbaidschan an.
Der Start dort war herausfordernd: "Nach zwei Wochen wollte ich eigentlich schon alles abbrechen. Zu diesem Zeitpunkt lebte ich noch im Hotel, hatte keine Wohnung in Baku und fast keiner sprach Englisch", erklärte Mickels. Sabah FK ist in Masazir beheimatet, einer Kleinstadt in der Nähe der Millionenmetropole und aserbaidschanischen Hauptstadt Baku.
"Erst als ich eine Wohnung in der Innenstadt von Baku beziehen konnte, auch richtigen Kontakt zu den Einheimischen bekam und in der Mannschaft ankam, änderte sich alles", fand sich Mickels dann doch noch recht schnell in der neuen Heimat zurecht. Er sei mit zunehmendem Alter gereift, längst deutlich reflektierter als zu Gladbacher oder Schalker Zeiten: "Früher habe ich viel Zeit an der PlayStation verbracht, heute verbringe ich viel Zeit im Kraftraum und kümmere mich um die Regeneration. Zudem achte ich auf gute und gesunde Ernährung."
Sportlich lief es bei Sabah auf Anhieb gut, er wurde direkt Stammspieler, machte seine Tore. Nach 28 Scorerpunkten in 35 Ligaspielen 2022/23 lockte das große Geld aus Saudi-Arabien, Mickels wagte den Transfer zum damaligen Zweitligisten Al-Faisaly. Es lief zwar ordentlich, blieb allerdings beim Intermezzo und nach nur einem Jahr kehrte der Offensivmann nach Aserbaidschan zurück.
Bei Sabah lieben ihn die Fans und er hat Land, Leute und den dortigen Fußball ins Herz geschlossen. "Die Liga ist sehr robust und körperlich. Die Abwehrspieler sind klassische Wadenbeißer. Hier wirst du in jedem Spiel körperlich angegangen und es geht auf die Knochen", sagt er über den Alltag in der Premyer Liqa. Kontinuierlich hat sich der junge Verein gesteigert, Mickels' Traum von einer europäischen Ligaphase wurde bisher aber noch nicht wahr.
2024/25 war in der Conference-League-Quali gegen St. Patrick's Athletic aus Irland Endstation. Im Vorjahr durfte Sabah als Pokalsieger dann sogar von einer Europa-League-Teilnahme träumen, doch auch ein Hattrick von Mickels gegen das damals noch von Ex-Frankfurt-Coach Albert Riera trainierte Celje aus Slowenien reichte in Quali-Runde 1 nicht zum Weiterkommen.
Nun soll auf den bisher größten Erfolg der Vereinsgeschichte gleich das nächste Highlight folgen. Im Frühjahr krönte sich Sabah erstmals zum aserbaidschanischen Meister, gab dabei Qarabag Agdam das Nachsehen. Durchaus ein Qualitätssiegel, schließlich schaffte es Qarabag vergangene Saison in die Zwischenrunde der Champions League, sorgte in der Ligaphase mit 3:2-Siegen gegen Eintracht Frankfurt und Benfica oder einem 2:2 gegen den FC Chelsea für Aufsehen.
In der heimischen Liga musste Qarabag Sabah ziemlich deutlich den Vortritt lassen, neun Punkte lagen am Saisonende zwischen den beiden Vereinen. Zudem entschied Sabah beide Liga-Duelle für sich und schlug Qarabag auch im Pokalhalbfinale.
Und bei Sabahs 2:1-Heimsieg im Ligaspiel im Dezember 2025 ging der zwischenzeitliche Ausgleichstreffer auf Mickels' Konto. Siegtorschütze übrigens: Aaron Malouda, Sohn des früheren französischen Nationalspielers Florent Malouda, der die vergangene Spielzeit bei Sabah verbrachte und kürzlich zum Schweizer Topklub FC Basel wechselte.
Für Mickels ist Sabah angesichts seines fortgeschrittenen Fußballeralters nun zwar nicht mehr unbedingt ein Sprungbrett. Aber neben dem Champions-League-Traum gibt es noch einen weiteren herausstechenden Eckpfeiler seiner bisherigen Zeit in Aserbaidschan, der für ihn persönlich möglicherweise sogar noch emotionaler ist: Ende März feierte Mickels, der Wurzeln in Ruanda hat, sein Länderspieldebüt für das afrikanische Land.
Was das Ganze noch besonderer macht: Gemeinsam mit ihm liefen auch Zwillingsbruder Joy-Slayd (spielt für Hibernians FC auf Malta) und sein 15 Monate jüngerer Bruder Leroy (wechselte kürzlich von Zira FK aus Aserbaidschan zu Drittligist Waldhof Mannheim) erstmals für Ruanda auf. Und Leroy erzielte in den Testspielen gegen Grenada (4:0) und Estland (2:0) sogar gleich mal seine ersten beiden Länderspieltore.
Standen die drei Brüder einst schon gemeinsam für Gladbachs U19 auf dem Platz, tun sie das nun also auf A-Nationalmannschaftsebene. Die skeptischen Kommentare rund um seinen Wechsel nach Aserbaidschan vor fünf Jahren dürfte Joy-Lance Mickels längst vergessen haben. Umso mehr, falls er Anfang September erstmals nicht nur CL-Quali-Luft, sondern richtige Champions-League-Atmosphäre aufsaugen sollte.
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