Gute Nachrichten für Jürgen Klopp: Ein Kompany-Experiment braucht es beim FC Bayern vorerst nicht mehr | Goal.com Deutschland

Als Jürgen Klopp erfuhr, dass Nathaniel Brown auch bei Bayern Münchens Bundesliga-Auftakt gegen den VfB Stuttgart (5:1) auf ungewohnter Position spielen würde, reagierte der neue Bundestrainer darauf so flapsig, wie ein Jürgen Klopp darauf eben reagiert: "Da haben wir mal einen Linksverteidiger und dann stellen sie ihn auf die Zehn", lachte der 59-Jährige bei Sat.1.
Die seit Jahren schwelenden Probleme auf den Außenverteidigerpositionen im DFB-Team soll Brown unter Klopp zumindest für die linke Seite vergessen machen, bei seinem neuen Verein spielte der 50 Millionen Euro teure Neuzugang in seinen ersten beiden Pflichtspieleinsätzen allerdings in ungewohnter Rolle auf der Zehn.
Wie das Experiment, befeuert von personellen Sorgen, so lief? Durchwachsen trifft es wahrscheinlich ganz gut. "Bei uns sind manchmal die Räume der Außenverteidiger ähnlich wie die einer Zehn. Er ist unfassbar gut zwischen den Räumen", hatte Bayerns Trainer Vincent Kompany seinen Schachzug nach dem Supercup-Erfolg bei Borussia Dortmund (2:1) erklärt. Brown, der zuletzt zu Nachwuchszeiten auf der Zehn gespielt hatte, tat sich zunächst schwer, ins Spiel zu finden, was bei den gegebenen Voraussetzungen erwartbar war. Als er gerade begann, sich reinzufuchsen, traf er sehenswert zur Münchener Führung.
"Am Anfang war es nicht so gut von mir, in den ersten Minuten bin ich nicht so gut reingekommen. Das Tor hat mir dann aber Selbstvertrauen gegeben", blickte Brown nach Abpfiff auf sein Pflichtspieldebüt für den deutschen Rekordmeister zurück. Mit Jamal Musiala, Serge Gnabry, Lennart Karl und Neuzugang Ismael Saibari standen gleich vier arrivierte Optionen für die Zehn nicht zur Verfügung, bemerkenswerterweise setzte Kompany aber nicht wie erwartet auf Tom Bischof, sondern zog Brown von links hinten in die Kreativzentrale.
"Ich weiß nicht, ob das der Plan war. Vor allem in den ersten Spielen dachte ich schon, dass ich hinten links eingesetzt werde", zeigte sich der Ex-Frankfurter davon durchaus überrascht und zwischen den Zeilen war zu lesen, dass er doch schon lieber als Linksverteidiger agieren würde. Pflichtbewusst schob er noch nach: "Mir ist das egal, es hat sehr viel Spaß gemacht."
Insgesamt machte Brown gegen den BVB auf der Zehn ein absolut ordentliches Spiel. "Er ist ein unfassbar schlauer Spieler. Er bewegt sich gut zwischen den Räumen und er schießt Tore", lobte Kompany und Mittelfeldboss Joshua Kimmich zog einen wertschätzenden Vergleich zu einem ehemaligen Bayern-Allrounder. "Vom Profil kann er die gleichen Positionen spielen wie Raphael Guerreiro. Also der kann links hinten, rechts hinten, kann in dieser Zehner-Position, kann aber auch auf Außen spielen", schwärmte Kimmich von Browns Flexibilität.
Die Sechs vergaß er dabei sogar, da bietet Brown ebenso eine Backup-Option wie auf den offensiven Außenbahnen. Der Neue ist damit ein absolutes Faustpfand für Top-Qualität in der Breite des Bayern-Kaders, kann theoretisch fast überall aushelfen: "Ich will einfach meine Minuten sammeln, egal ob links, rechts oder auf der Zehn. Das ist mir relativ egal. Klar, meine Stammposition ist als linker Verteidiger, aber ich fühle mich überall wohl. In diesem Team ist es einfacher, auch auf ungewohnten Positionen zu spielen", sagte Brown nach dem Ligastart gegen Stuttgart.
Im Duell mit dem VfB hatte Brown deutlich weniger Einfluss auf das Spiel als noch in Dortmund, tat sich über seine komplette Einsatzzeit (gut eine Stunde) schwer. Der entscheidende Grund dafür, dass man Brown voraussichtlich erst einmal nicht mehr als Zehner sehen wird, ist aber freilich ein anderer: Die Personallage entspannt sich schlichtweg.
Musiala war nach seinen beiden Zusammenbrüchen in den Testspielen gegen Leipzig (3:1) und Heidenheim (4:2), zurückzuführen auf eine neurologische Dysfunktion, die sogenannte Absencen hervor ruft, zuletzt außen vor. Die Dosis in der Medikation zur Behandlung seiner Erkrankung wurde wieder hochgefahren und dem Körper die nötige Zeit zur Anpassung gewährt, möglicherweise feiert Musiala am kommenden Wochenende auf Schalke sein Comeback. Der 23-Jährige, das versicherte Kompany erst vor kurzem, ist rein sportlich gesehen in der besten Verfassung seit langem, könnte nach seiner schweren und langwierigen Verletzung nun final zu alter Stärke zurückfinden.
Statt Personalnot herrscht auf Bayerns Spielmacherposition nun mehr und mehr ein mächtiger Konkurrenzkampf mit Starbesetzung. Neuzugang Saibari, gegen Stuttgart in der 61. Minute für Brown eingewechselt, kommt nach seiner bei der WM erlittenen Muskelverletzung allmählich in Schwung und zeigte zum Ligastart eindrucksvoll, wie viel er dem FCB geben kann. Die Assists des Marokkaners zum vierten und fünften Münchener Treffer waren jeweils höchst sehenswert.
Neben Musiala und Saibari wird zeitnah zudem Youngster Karl ins Team drängen, der sich kurz vor der WM einen Muskelbündelriss zugezogen hatte und gegen Stuttgart mit einem Kurzeinsatz sein Comeback feierte. Bei "90 Prozent" sei er mittlerweile nach eigenen Angaben. Und dann wäre da ja auch noch der seit April verletzt ausgefallene Gnabry, bei dem die Rückkehr in den Spielbetrieb langsam, aber sicher ebenfalls Form annimmt.
Nach Experimenten mit Brown auf der Zehn besteht in den kommenden Wochen also immer weniger Bedarf. Klopp wird es freuen, schließlich soll der achtfache Nationalspieler beim Neuaufbau des DFB-Teams eine wichtige Rolle hinten links einnehmen und entsprechend sinnvoll wäre es aus Klopps Sicht, dass Brown auch im Verein Linksverteidiger spielt. Wenngleich er dort mit Alphonso Davies, der seine Verletzungsprobleme endlich in den Griff zu kriegen hofft und gegen Stuttgart ein durchaus überzeugendes Startelfcomeback gab, einen namhaften Konkurrenten hat, der nicht so flexibel einsetzbar ist wie Brown.
Als Zehner wird er zwar vorerst nicht mehr gebraucht, doch ein Ausweichen auf rechts hinten, auf die Sechs oder die offensiven Außenbahnen bleibt jeweils stets eine Alternative. Um es frei nach Kimmich zu sagen: Bayern hat mit Brown nicht nur einen Top-Linksverteidiger, sondern auch einen Guerreiro auf noch höherem Level geholt.
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