"Großartiger Charakter" und heimlicher Entertainer: Wie ein fast Abgeschriebener zum Glücksfall für den FC Bayern wurde | Goal.com Deutschland

Veröffentlicht am 29 Aug 2026 | Lesezeit: 6 Minuten"Großartiger Charakter" und heimlicher Entertainer: Wie ein fast Abgeschriebener zum Glücksfall für den FC Bayern wurde | Goal.com Deutschland

Schon vor wenigen Wochen war es Vincent Kompany ein Anliegen, Min-Jae Kim in der Öffentlichkeit ins richtige Licht zu rücken. Schließlich galt der Südkoreaner da noch als möglicher Verkaufskandidat. Ein Status, den er seit der Ankunft von Jonathan Tah im vergangenen Sommer innehatte und der sich spätestens nach der vergangenen Saison, die Kim in den wichtigen Spielen zumeist auf der Ersatzbank verbrachte, immer weiter verfestigte.

Kim, so die damals zahllosen Berichte, dürfe den FC Bayern bei einem passenden Angebot verlassen. Und mal mehr, mal weniger konkret sollen den Münchnern und dem Innenverteidiger selbst auch durchaus konkrete Anfragen vorgelegen haben. Doch besonders Kim war es, der interessierten Vereinen wie Manchester United, Aston Villa und auch dem FC Arsenal angeblich einen Korb nach dem anderen gab.

Eine Entscheidung, von der nun der deutsche Rekordmeister überaus profitiert. Denn in den ersten beiden Pflichtspielen der Saison stand der Südkoreaner überraschend jeweils einmal für Dayot Upamecano und einmal für Tah in der Startelf - und überzeugte sowohl im Supercup gegen den BVB, als auch bei der 5:1-Gala zum Bundesliga-Auftakt gegen den VfB Stuttgart.

Für Kompany kam das selbstredend nicht überraschend. Denn schon als er vor wenigen Wochen ein deutliches Plädoyer für den nominellen Innenverteidiger Nummer drei der Bayern hielt, wurde klar, wie viel der Trainer des Rekordmeisters von Kim hält - und dass er die Hierarchie in der Münchner Innenverteidigung gar nicht so eindeutig bewertet, wie es die Journaille tut.

Als die Münchner Anfang August im Rahmen ihrer Asientour in Kims Heimatland Halt machten, schwärmte er regelrecht von seinem Schützling aus dem vermeintlich zweiten Glied. "Lasst nicht alles so absolut sagen", maßregelte Kompany die mitgereisten Reporter, angesprochen auf die vermeintlich erneut drohende Dauerreservistenrolle von Kim: "Wir sprechen hier über eine Konkurrenz, die ich mag. Das Wichtigste ist, sich auf dem Platz zu beweisen. Diesbezüglich spreche ich Min-Jae ein Kompliment aus. Egal was passiert, er bleibt konzentriert und lässt auf dem Platz Taten sprechen."

Er habe in der vergangenen Saison, in der Kim erst in den letzten Wochen in der ohnehin schon entschiedenen Bundesliga eine größere Rolle spielen durfte, öfter das Gespräch mit dem 29-Jährigen suchen wollen, es sich dann aber ein ums andere Mal doch anders überlegt. "Ich hatte viele Situationen, in denen ich dachte: Vielleicht ist jetzt der richtige Moment, mit Min-Jae zu sprechen", erzählte Kompany. "Manchmal habe ich mit ihm gesprochen, manchmal habe ich ihn in Ruhe gelassen. In jeder Situation hat er richtig reagiert und im Training sowie auf dem Platz alles gegeben."

Den Lohn für Kompanys geglücktes Kader-Management und Kims gelassenen und höchst professionellen Umgang mit der Situation ernten die Bayern nun. Denn die bevorstehende Saison soll planmäßig bekanntermaßen erst am 5. Juni 2027 in Madrid enden. Eine lange und dauerhafte Zeit der Belastung steht den Münchner Profis auf dem Weg dahin bevor - und das nach einer extrem kurzen Sommerpause aufgrund der WM, die besonders Upamecano noch in den Knochen stecken dürfte. Nicht zu Unrecht schonte Kompany den WM-Halbfinalteilnehmer gegen den BVB im Supercup.

Da kommt es gerade recht, dass man in Kim eben nicht in diesem Sommer eine aktuell absolut verlässliche Alternative hat ziehen lassen. Oder umgekehrt war es ein Glücksfall für den FCB, dass sich das einstige "Monster" von der SSC Neapel gegen einen Abschied und für den Konkurrenzkampf in München entschied. Dieser hätte den Münchnern zwar nochmal eine saftige Ablöse in die Kassen gespült, sie aber auch einen wichtigen Kaderspieler gekostet, der es ihnen nun schon frühzeitig ermöglicht, sorgenfrei die Belastung zu Saisonbeginn zu steuern.

Zumal Kim innerhalb der Mannschaft und entgegen gewisser Annahmen aufgrund seines etwas schüchternen Wesens ein überaus hohes Standing genießt. "Ein großartiger Charakter, jeder im Team mag ihn", hatte beispielsweise Serge Gnabry vor ein paar Monaten über den in der Öffentlichkeit sehr selten auftretenden Kim gesagt.

Und auch Kompany hob erst kürzlich hervor, dass der Südkoreaner eigentlich eine echte Stimmungskanone sei. "Die Leute wissen gar nicht, dass er auch einen unglaublichen Sinn für Humor hat", befand der Belgier: "Das stimmt wirklich. Immer wenn ein Spieler neben Min-Jae steht, fängt dieser an zu lachen. Das ist vielleicht die Seite von ihm, die die Leute nicht kennen."

Was "die Leute" mit Kim rein sportlich betrachtet seit seiner Ankunft in München anno 2023 verbunden hatten, war manchmal - und irgendwann auch immer öfter - nicht so schmeichelhaft.

In der Saison 2023/24 leistete er sich im Halbfinal-Hinspiel gegen Real Madrid zwei Aussetzer, die sogar der damalige Trainer Thomas Tuchel öffentlich kritisierte und Kim anschließend zu Gunsten von Matthijs de Ligt und Eric Dier fallen ließ.

Fehlerteufel statt "Monster", unkten Kritiker besonders nach seinen schwachen Auftritten gegen Inter Mailand in den Viertelfinal-Spielen in der Champions League, wo er an drei der vier Gegentreffer zumindest mal beteiligt war. Was dabei in Vergessenheit geriet: Kim war zu diesem Zeitpunkt aufgrund seiner langen Reisen zur Nationalmannschaft und der generellen Spielplangestaltung einer der Spieler mit der weltweit größten Belastung. Die FIFPro schlug wegen ihm sogar öffentlich Alarm und warnte vor langfristigen Gesundheitsschäden beim Südkoreaner, der sich ohnehin damals ab Winter mit hartnäckigen Achillessehnenproblemen durch die restliche Spielzeit quälte.

Vielleicht auch wegen dieser Vorgeschichte, schien Kim selbst alles andere als unzufrieden zu sein, als die Bayern im vergangenen Sommer Tah ablösefrei holten und ihm vor die Nase setzten. Während Tah sofort Stammspieler und sogar Teil des Mannschaftsrates wurde, drückte Kim fortan die Bank.

"Ich habe noch nie eine lange Phase erlebt, in der ich nicht gespielt habe, daher war es am Anfang etwas schwierig. Aber mit der Zeit habe ich festgestellt, dass es auch eine positive Seite hat", sagte er Mitte April gegenüber dem koreanischen Medium Footballist: "Ich dachte immer, dass ständiges Spielen die Lösung sei, aber jetzt bin ich mit meiner Situation als Herausforderer zufrieden."

Gleiches wiederholte er noch einmal im August, nachdem Kompany ihn über den grünen Klee gelobt hatte. "Ich freue mich sehr, mich mit Jonathan Tah und Dayot Upamecano messen zu können", sagte er da: "Beim FC Bayern herrscht jede Saison ein starker Konkurrenzkampf. Aber wir verstehen uns auch gut miteinander. Und wir tauschen uns viel aus, daher bin ich sehr zufrieden. Ich kann viel von ihnen lernen."

Womöglich dient zumindest Upamecano ihm sogar als Vorbild. Auch der Franzose genoss nach seinem Wechsel von RB Leipzig zunächst einen zweifelhaften Ruf als Buder Leichtfuß oder gar "Pannen-Upa", wie ihn die Bild nach seinem legendären Horror-Auftritt gegen Borussia Mönchengladbach im DFB-Pokal bei der historischen 0:5-Abreibung taufte.

Immer wieder schlichen sich in das Spiel des so hochveranlagten Innenverteidigers teils haarsträubende Fehler ein, die zu Gegentoren führten. Diese hat er mittlerweile aber nahezu restlos abgestellt. Upamecano gilt als einer der besten Innenverteidiger der Welt. Das tut Kim vielleicht nicht, aber dem Südkoreaner ist in diesem Sommer deutlich anzumerken, dass er wieder mehr mit dem "Monster" aus Italien zu tun hat, das den Bayern einst eine Ablöse in Höhe von 50 Millionen Euro wert war.

Denn leistungstechnisch - das zeigten die beiden ersten Pflichtspiele der Saison zumindest - ist der Südkoreaner vorerst seinen zweifelhaften Ruf als Fehlerteufel losgeworden. Gegen den BVB agierte Kim grundsolide und sogar besser als Nebenmann Tah. Gegen den VfB ließ er sich beim Bundesliga-Auftakt auch von einem Missverständnis mit Joshua Kimmich zu Spielbeginn nicht aus der Ruhe bringen.

Sowohl der Südkoreaner als auch der übermotivierte DFB-Kapitän stiegen zum Kopfball hoch, Kimmich verlängerte ungewollt in den Lauf von Dzenan Pejcinovic, doch Upamecano klärte. Anschließend bestätigte Kim die guten Eindrücke aus der Vorbereitung, spielte einige kluge Flachpässe im Aufbau, präsentierte sich äußerst dynamisch in Laufduellen und resolut in den Zweikämpfen am Boden und in der Luft.

Kim scheint zu Saisonbeginn voll im Saft zu stehen. Womöglich profitiert er tatsächlich davon, dass er in der vergangenen Saison "nur" 2.051 Minuten statt der 3593 im Vorjahr - und einige davon äußerst angeschlagen - auf dem Platz stand und oftmals Tah und Upamecano den Vortritt lassen musste. Es macht den Eindruck, als hätte ihm die Zeit als klare Nummer drei in der Innenverteidigung besonders körperlich, aber auch mental gut getan.

Für Kompany und die Bayern ist das ein Segen. Dass es am Ende zu einem ernsthaften Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung kommt und der Belgier das etablierte Duo Upamecano/Tah auch in den wichtigsten Saisonspielen sprengt, scheint zwar trotz Kims beachtlicher Entwicklung aktuell noch immer sehr unwahrscheinlich. Aber: Man soll ja "nicht alles so absolut sagen".

Saison

Spiele

Tore

Torvorlagen

Spielminuten

2026/27

2

-

-

174

2025/26

37

1

1

2.051

2024/25

43

3

-

3.593

2023/24

36

1

2

2.765


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Bericht William Hill

William Hill

4.3

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