Erinnerungen an Scheitern beim FC Bayern: Kovacs Umgang mit einem BVB-Star wirft Fragen auf | Goal.com Deutschland

Niko Kovac und Maximilian Beier unterhalten sich oft, das hat der deutsche Nationalspieler schon vor längerer Zeit verraten. Und dabei auch erwähnt, dass ihn der Trainer von Borussia Dortmund "besser gemacht" hat.
Unter dem Kroaten hat Beier bislang 63-mal gespielt. Bei keinem anderen Coach absolvierte der 23-Jährige mehr Pflichtspieleinsätze in seiner Karriere. 16 Tore und 14 Vorlagen stehen in dieser Zeit in der Statistik - starke Werte.
Nun soll es in der jüngeren Vergangenheit laut den Ruhr Nachrichten ein weiteres Gespräch zwischen Beier und Kovac gegeben haben. Mit dem Ergebnis, das auch in Beiers bislang zwei Testspielauftritten in dieser Sommervorbereitung gegen den FC Tokyo (1:0) und den FC Arsenal (3:2) zu sehen war: Kovac plant mit Beier als linkem oder rechten Schienenspieler, der gegen den Ball die Fünferkette auffüllt.
Diese Rolle, damals ausschließlich auf dem linken Flügel, spielte Beier bereits in vier der letzten sechs Bundesligapartien der Vorsaison. Beier zeigte auf dieser Position solide Leistungen, ohne allzu großen Ausschlag nach oben oder unten. Zwei Vorlagen und ein Tor schaffte er in diesen vier Begegnungen.
Dass es so weitergehen soll, ist von Kovac eine beachtliche wie fragwürdige Wahl zugleich. Sonderlich großen Gefallen daran wird Beier nicht haben, so viel lässt sich sagen. "Ich bin schon seit ich denken kann immer vorne gewesen und da fühle ich mich einfach am wohlsten", sagte Beier während der Asienreise des BVB. Eingeleitet hatte er sein Statement aber mit dem pflichtbewussten Satz: "Ich spiele auch sehr gerne links oder rechts hinten, jetzt noch nicht so oft, aber könnte ich auch spielen."
Geht es nach Kovac, kann sich Beier allem Anschein nach den Konjunktiv abschminken, mit der Schiene wird er sich wohl anzufreunden haben. Dem 54-Jährigen gefallen Beiers Arbeitsethos und Flexibilität. "Er ist ein Leistungsträger unserer Mannschaft. Einer, der mehrere Positionen bekleiden kann. Maxi ist ein Spieler, der sein eigenes Ich in den Hintergrund stellt. Er möchte der Mannschaft helfen und hat ja auch bewiesen, dass er sowohl vorne als auch über außen richtig gut agieren kann. Ich weiß, dass Maxi alles geben wird, egal wo er spielt."
Das dürfte für den Trainer wie für Beiers "Schicksal" der entscheidende Punkt sein: Beiers riesige Intensität in beide Spielrichtungen. Allerdings wird diese Stärke für den Ex-Hoffenheimer zum Nachteil, wenn er deshalb künftig nicht dort eingesetzt wird, wo er seinem Profil nach eigentlich spielen sollte - auf einer Zentrumsposition in der Offensive.
"Bei mir stand da nur eine Zahl: die Zehn", hatte Beier vor vielen Monaten mal gesagt. Gemeint war ein Zettel, den Kovac nach seiner Amtsübernahme an die Spieler verteilte. Darauf sollten sie ihre Lieblingsposition schreiben. In der Doppelspitze oder als hängender Stürmer im Zentrum und auf den Halbpositionen hinter Sturmführer Serhou Guirassy - da sieht sich Beier.
Indem ihn Kovac auf den Flügel schickt, starten Beiers Laufwege aus einer viel zu tiefen Grundposition. Damit beraubt er Beier seiner sonstigen Stärken, denn dort ist er viel zu weit vom gegnerischen Tor entfernt. Sein dynamischer Antritt in die Tiefe, das Attackieren von Räumen im Strafraum und seine Torgefahr können so nicht optimal zur Geltung kommen.
Diese Fähigkeiten werden schnell deutlich, eine weitere große Stärke von Beier kommt jedoch eher unscheinbar daher: sein hohes Verständnis des Spiels. Beier macht viele schlaue Läufe, gerade sein Anlaufverhalten im Pressing ist ausgezeichnet. Er hat ein tolles Gefühl für den Raum, ein gutes Positionsspiel und agiert stets sehr mannschaftsdienlich.
Dem Anforderungsprofil an einen Schienenspieler kommt Beier dagegen kaum nahe. Im Rückwärtsgang offenbarten sich bei ihm bereits taktische und defensive Defizite, die aber nicht verwunderlich sind, wenn man wie er als Angreifer ausgebildet wurde. Spezifische Positionsmerkmale wie eine gute defensive Absicherung, das Stellungsspiel in der Kette und eine hohe Qualität der Flanken aus tiefen Positionen gehören nicht zu Beiers Portfolio.
Dass Beier weder ein Akteur ist, der einem Spiel Breite verleihen kann, noch ein Eins-gegen-eins-Dribbler, war allein schon seinen eigenen Aktionen als Schienenspieler anzusehen. Denn Beier versucht dort stets, nach innen zu ziehen und einen Weg ins Zentrum zu finden. Dort will und soll er auch hin, denn dort ist gewissermaßen seine natürliche Umgebung. Er weiß, dass er im Zentrum größere Aussichten auf gelungene Aktionen hat.
Ähnlich wie einst Thomas Müller beim FC Bayern ist Beier ein Raumdeuter. Er liest Situationen schnell, erkennt, wann ein Pass in den Zwischenraum möglich wäre oder wann sich das Spiel beschleunigen ließe. Mit diesen Bewegungen und Läufen macht er sich selbst anspielbar oder bindet Gegenspieler, um Platz für seine Teamkollegen zu bieten. All das wird in seiner Vielfalt ausgebremst, wenn Kovac Beier als inversen Schienenspieler einsetzt.
Müller stand unter ihm damals in München übrigens 60-mal auf dem Platz. 19 Partien davon ließ er das FCB-Urgestein als Rechtsaußen im 4-3-3 spielen. Die Position der hängenden Spitze oder des freien Zehners, die Müller zuvor und danach so überragend interpretierte, hatte Kovac abgeschafft. Auf der Außenbahn verpufften letztlich Müllers Stärken, weil ihm Tempo und Dribbelstärke fehlten. Müller drückte daher beim deutschen Rekordmeister immer häufiger unter Kovac die Bank, es kam zum legendären "Notnagel"-Spruch und zum offenkundigen Zerwürfnis zwischen Trainer und Spieler.
Abgesehen von der zwischenmenschlichen Komponente ist Beiers Situation nicht ganz unähnlich. Kovac opfert dessen individuelle Instinkte der eigenen Systemtreue und befriedigt damit sein Defensivbedürfnis. Er belohnt seine Mannschaftsdienlichkeit mit positionsfremden Sonderaufgaben. Dass Beier dies klaglos mitmacht, ehrt seinen Charakter. Taktisch bleibt Kovacs Kniff jedoch ein Holzweg.
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