Besonderer Spitznamen: Wie ein No-Name-Stürmer Real Madrid vor dem Fehlstart rettete | Goal.com Deutschland

"Wie Joselu Junior" pries Jude Bellingham die erste Duftmarke seines neuen Teamkollegen an, der auch ihm noch vor gut einem Monat nicht wirklich ein Begriff gewesen sein dürfte. Gerade hatte Carlos Espi Real Madrid vor einem Fehlstart in die neue LaLiga-Saison bewahrt, in Spiel eins bei Espanyol Barcelona in der 90. Minute das 2:1-Siegtor erzielt. Als Joker, nur zehn Minuten nach seiner Einwechslung - so wie einst eben Joselu (aktuell vereinslos), der 2024 im Halbfinalrückspiel der Champions League per spätem Doppelpack das dramatische Aus des FC Bayern München besiegelte und Real ins Endspiel bugsierte.
Doch nicht nur später Zeitpunkt und Joker-Qualität erinnerten bei Espis Tor an Joselu, sondern eben auch die Art und Weise: Kylian Mbappe kam nach einem Dribbling im Strafraum nicht zum Abschluss, Espi stand gut, roch den Braten, schnappte sich fünf Meter vor dem Tor den Ball und hämmerte ihn clever ins Netz. Eben ganz wie es ein klassischer Neuner a la Joselu so tut.
Einen solchen wollte Reals alter, neuer Trainer Jose Mourinho seinem Kader diesen Sommer unbedingt noch hinzufügen, zumal mit Eigengewächs Gonzalo Garcia ein anderer Angreifer dieses Typus zum FC Fulham abwanderte. Und dank Espi konnte Mourinho aufatmen, der überraschende Neuzugang rettete die Pflichtspielpremiere des Portugiesen nach seiner Rückkehr ins Bernabeu. Bei einem Punktverlust zum Ligastart hätte es schließlich gleich mal Negativschlagzeilen gehagelt.
"Ich bin der glücklichste Mann der Welt", frohlockte Espi nach seinem ersten Tor im ersten Pflichtspiel für die Königlichen. "Der Trainer wollte, dass ich maximal arbeite, mit Kylian den Angriff bilde und ihm helfe. Es war verrückt, als ich beim Jubeln das ganze Team um mich herum hatte."
Als Real Ende Juli Espis Verpflichtung vermeldete, zuckten wahrscheinlich nicht wenige zusammen. Carlos Wer? Der Blick auf die Ablösesumme steigerte die Verwunderung zusätzlich, immerhin 25 Millionen Euro legte der spanische Vizemeister für das international noch völlig unbeschriebene Blatt auf den Tisch. Zwar war der 21-Jährige zumindest in Spanien den meisten Fußball-Fans schon vor seinem Real-Wechsel sicherlich ein Begriff - allerdings auch noch nicht lange.
Dass er eines Tages im Starensemble der Blancos landen würde, war zu keinem Zeitpunkt im Verlauf von Espis bisherigem fußballerischen Werdegang wirklich abzusehen. In einer Kleinstadt in der Nähe von Valencia aufgewachsen, flog er für größere Vereine lange unter dem Radar. Bis kurz vor seinem 17. Geburtstag kickte er im Nachwuchs des Klubs UD Alzira, dessen erste Mannschaft bis vor kurzem immerhin einige Jahre lang in der vierten spanischen Liga angesiedelt war.
Erst mit 16 schaffte der 1,94 Meter große Stürmer den Sprung zu UD Levante aus dem nahe gelegenen Valencia. Espis herausstechende Eigenschaft schon damals: seine Physis, die er einem kurz zuvor eingetreten Wachstumsschub zu verdanken hatte. "Mit 16 schon über 1,90 Meter groß zu sein, war ein wichtiges Merkmal auf seiner Position", erinnerte sich Levantes damaliger Nachwuchsboss Joaqui Navarro im Interview mit The Athletic. Allerdings hatte Espi "in vielen Bereichen seines Spiels noch Nachholbedarf, speziell beim Spiel mit dem Rücken zum Tor", betonte Navarro.
Bei Levante arbeiteten sie mit Nachdruck daran, Espi entwickelte sich rasant und feierte nur anderthalb Jahre nach seiner Ankunft mit 18 sein Profidebüt für den damaligen Zweitligisten. Gleich in seinem zweiten Einsatz erzielte er sein erstes Tor, wurde 2024/25 fester Bestandteil der ersten Mannschaft und trug als Joker sechs Tore zu Levantes Rückkehr in LaLiga bei.
"Das Besondere an Espi ist, dass er nur ganz wenige Chancen braucht, um zu treffen", erklärte sein ehemaliger Förderer Navarro die Effizienz zu einer großen Stärke. Dennoch erlebte Espi bei Levante nach dem Aufstieg in seiner noch jungen Karriere auch schon eine schwierige Phase. Er spielte zunächst wenig, schmorte meist 90 Minuten lang auf der Bank, kam am zeitweise wohl auch vom FC Barcelona umworbenen Millionen-Neuzugang Karl Etta Eyong nicht vorbei.
Was Espis schnellen Aufstieg bis hin ins Bernabeu umso überraschender macht und gleichzeitig Beleg dafür ist, wie sehr Mourinho und Co. an sein Potenzial glauben: Zu Jahresbeginn hatte Espi gerade einmal knapp 100 LaLiga-Minuten, verteilt auf fünf Kurzeinsätze, in den Beinen. Dass es für Levante in der ersten Hälfte der vergangenen Saison enorm schlecht lief, kam dem Youngster durchaus zugute.
"Wir waren in einer sehr schwierigen Situation, hatten zur Winterpause gerade mal zehn Punkte", blickte Präsident Pablo Sanchez bei The Athletic zurück und erklärte: "Für uns war dann klar: Wenn wir absteigen, folgen wir dabei wenigstens unseren Prinzipien." Im Klartext formuliert meinte er damit: Wir können wieder in Liga zwei runtergehen, aber dann setzen wir dabei wenigstens möglichst viel auf Spieler aus unserer eigenen Akademie.
Darum wurde kurz vor Weihnachten Luis Castro, der einst lange im Nachwuchs von Vitoria Guimaraes und Benfica Lissabon arbeitete, als neuer Trainer installiert. "Espis Durchbruch kam nur zustande, weil Castro ihm vertraute", erklärte Sanchez. Gänzlich außen vor blieb Espi unter dem neuen Coach kaum noch, empfahl sich über Joker-Einsätze für mehr - und avancierte dann zu einem entscheidenden Faktor für Levantes Klassenerhalt.
"Er macht Tore, aber vor allem macht er wichtige Tore", schwärmte Levante-Boss Sanchez. Zwischen Ende Februar und Ende März traf Espi in vier Ligaspielen hintereinander insgesamt sechsmal, stets gegen direkte Konkurrenten im Abstiegskampf. Zunächst brachte Espis Doppelpack einen 2:0-Sieg über Alaves, danach gelangen die beiden 1:1-Unentschieden gegen Girona und Rayo Vallecano jeweils dank eines Espi-Treffers. Und schließlich gingen die ersten beiden Tore beim 4:2 über Oviedo auf das Konto des heutigen Real-Angreifers.
Levante hielt so stets den Anschluss an das rettende Ufer, musste allerdings bis zum Schluss zittern. Espi kam insgesamt noch auf starke elf Saisontore in LaLiga, eines der wichtigsten davon glückte ihm am vorletzten Spieltag: Gegen den späteren Absteiger Mallorca brachte Espi Levante in Führung, am Ende stand ein 2:0-Heimsieg auf der Anzeigetafel. Es war die letztlich entscheidende Befreiung, erstmals seit knapp einem halben Jahr verließ Levante die Abstiegsplätze wieder.
"Castro hat es letzte Saison schon gesagt: Der Junge hat kein Limit. Er wird ein Star, aber dabei auch ein guter Mensch bleiben", sind für Levante-Boss Sanchez zwei Dinge sicher. Er durfte sich nebenbei über Einnahmen für den zweitteuersten Verkauf der Vereinsgeschichte freuen, von dem vor der offiziellen Verkündung rein gar nichts an die Öffentlichkeit gedrungen war.
"Es war furchtbar", gestand Espis Vater Juanjo dem Radiosender Cope über die Tage rund um den großen Transfer seines Sohnes. Reals Verantwortliche hatten um absolute Diskretion gebeten, was dem stolzen Papa keineswegs leicht fiel. "Es geheim zu halten, nicht darüber sprechen zu dürfen ... nicht einmal mit meiner Mutter oder meinem Bruder, mit niemandem", gab Juanjo Einblick in sein Seelenleben.
Seit Ende Juli kann er nun jedem erzählen, dass sein Junge jetzt für das große Real spielt. Bis 2031 hat Espi im Bernabeu unterschrieben, man verfolgt langfristige Pläne mit dem ehemaligen spanischen U19- und U20-Nationalspieler. "Er lebt gerade einen Traum, aber er arbeitet unglaublich hart dafür", lobte Mourinho den Neuzugang nach dem traumhaften Pflichtspieldebüt.
Torhüter Thibaut Courtois stimmte ein: "Es ist beeindruckend, wie er sich im Training gegen Größen wie Antonio Rüdiger oder Ibrahima Konate behauptet, er ist ein Biest", attestierte der Belgier dem Neuen eine enorme Körperlichkeit und löste dann auf, dass Bellinghams Spitzname für Espi längst in der ganzen Mannschaft angekommen ist: "Wir nennen ihn Joselu Junior."
Orijinal haberi okuyun