Absurder Transfer macht es deutlich: Warum Noah Atubolu ausgerechnet unter seinem Sehnsuchtsort leidet | Goal.com Deutschland

Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich Noah Atubolu seinen derzeitigen Alltag gänzlich anders vorgestellt hat. Während sich seine Teamkollegen zuletzt vor malerischer Alpenkulisse auf die kommende Saison vorbereiteten, blieb er ganz allein auf dem Trainingsgelände von Noch-Arbeitgeber SC Freiburg. Von seinem Ziel, bei einem europäischen Spitzenteam - am liebsten in England - unterzukommen, ist er auch Monate nach seinem hinterlegten Wechselwunsch ein Jahr vor Vertragsende meilenweit entfernt.
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Einen neuen Verein, der seinen Ansprüchen gerecht wird, hat der 24-Jährige bis heute nicht gefunden. Eine baldige Lösung ist nicht in Sicht. Der hochtalentierte Torhüter, der als Zukunftshoffnung für den DFB gilt, hat sich gehörig verzockt. "Vielleicht haben wir alle ein bisschen unterschätzt, wie spät Tempo in diesen besonderen Torwartmarkt kommt", resümierte SC-Sportdirektor Klemens Hartenbach unlängst gegenüber kicker.
Nicht nur Atubolus Vereinssuche gestaltet sich schwer. Das zeigen auch andere prominente Beispiele auf: Der Abschluss des Leihgeschäfts von Marc-Andre ter Stegen zu Ajax Amsterdam zieht sich seit Wochen, der zuvor vereinslose Stefan Ortega vollzog einen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Wechsel zu Olympiakos Piräus und auch Alexander Nübel kam nicht in einer der Topligen unter und unterschrieb etwas überraschend bei Besiktas Istanbul.
Die zweifellos berechtigte Annahme, dass der Torhütermarkt schlichtweg übersättigt ist, wäre zu kurz gedacht. Es spielen gleich mehrere Faktoren eine entscheidende Rolle dafür, dass hochveranlagte Schlussmänner auf Klubebene vermeintlich kleinere Brötchen backen müssen oder gar gänzlich auf der Strecke bleiben könnten.
Das Hauptproblem für die fehlende Bewegung liegt allen voran in England. Genauer gesagt in der Premier League, wie kürzlich auch Markus Krösche im kicker anriss. "Man merkt, dass alle Klubs erst mal verkaufen müssen. Der Käufermarkt in England startet erst jetzt richtig. Die bringen das Geld in den Markt - alle anderen Länder bringen nicht mehr wirklich viel Geld in den Markt. Die Bayern haben jetzt investiert, aber das ist unser Branchenprimus mit anderen Rahmenbedingungen. Alle anderen Klubs warten auf Verkäufe, weil sie Einnahmen brauchen. Wir haben schon über 80 Millionen Euro eingenommen, das war sicherlich auch hilfreich für unsere Transfers auf der Zugangsseite", sagte Eintracht Frankfurts Sportvorstand.
Krösche bezog sich dabei keineswegs nur auf den Markt für Torhüter, sondern auf den globalen. Abseits der absoluten Topklubs hängen alle anderen Ligen gewissermaßen am Tropf von der Insel. Die vielen mittel- und unterklassigen Vereine in Spanien, Frankreich oder Italien sind abseits der absoluten Topklubs wie Barca, Real, Inter oder PSG gar nicht dazu in der Lage, einen Keeper oder Feldspieler zu verpflichten, der einen marktveränderten Dominoeffekt auslösen würde.
Interessant: Nach GOAL-Informationen verdient ein Ersatztorhüter in der Premier League sogar mehr Geld als eine Nummer eins in den anderen Topligen. Erst wenn der englische Markt erwacht, fließt das meiste Geld wie eine Art Wasserfall in die anderen Ligen und verteilt sich auf die verschiedenen Märkte. Bis in die unterklassigen Ligen. In England wird traditionell allerdings erst sehr spät reagiert, was sich auch in dem bislang eher stillen Transferfenster widerspiegelt. Das im Fußball als Sommerloch bekannte Pränomen lässt sich deshalb ebenso gut auf den Transfermarkt beziehen.
Einen weiteren Beleg für das Ungleichgewicht stellt der bevorstehende Wechsel von James Trafford dar. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge fließen weit über 40 Millionen Euro von Leeds United für den ersten Ersatzmann von GIanluigi Donnarumma an Manchester City, der seit seiner Rückkehr im Sommer 2025 trotz seines Daseins als Nummer zwei immerhin 17-mal das Tor seines Jugendvereins hütete. Gleichwohl rechtfertigen seine Einsatzzeiten die absurd hohe Summe von 31,2 Millionen Euro nicht, die die Skyblues für den damals 22-Jährigen an den FC Burnley per Ausstiegsklausel überwiesen hatten - und dennoch geht ManCity mit einem satten Transferplus aus dem kurzen Intermezzo.
Als Ersatz soll Rulli von Olympique Marseille kommen, der sich im Alter von 34 Jahren nun sein Karriereende nochmal vergolden lässt. Eine neue Nummer eins aus der Kategorie Atubolu, der Freiburg um die 20 Millionen Euro einbringen soll, kann sich der Traditionsverein von dem verhältnismäßig geringen Millionenbetrag aus Manchester ob der fehlenden Finanzkraft in Frankreich damit aber nicht leisten. Stattdessen wird sich ein bis zwei Regale tiefer umgeschaut.
Was für Rulli gilt, trifft in gewisser Hinsicht auch auf Nübel zu. Auch bei dem zuletzt für drei Jahre an den VfB Stuttgart verliehene WM-Fahrer spielte bei dessen durchaus überraschenden und zugleich kritisch beäugten Wechsel raus aus den Topligen zu Besiktas Istanbul der finanzielle Aspekt eine übergeordnete Rolle. Bei seinem Wunschziel England hatte er keinen Markt. Andere Vereine außerhalb der Insel konnten das Gesamtpaket aus Ablöse und hohem Gehalt, hingegen bei weitem nicht stemmen.
Um das Defizit auf dem Lohnzettel auszugleichen, soll er dem Vernehmen nach sogar auf eine Ausgleichszahlung des FCB beharrt haben. Die Geldquelle des in der jüngeren Vergangenheit schwächelnden Topklubs aus der Türkei stammt indes aus einem Immobilienbauprojekt, das bis zu 400 Millionen Euro Umsatz einbringen soll. Der Wechsel in die türkische Metropole war nach Informationen von GOAL letztlich eine Konsensentscheidung aus einem vollen Konto und gesicherten Stammplatz bei einem potenziellen Europapokal-Teilnehmer. Ähnlich wie bei Ortega.
Wer weniger Geld zur Verfügung hat, dem bleibt damit also nur eine Option: Schnell die Initiative ergreifen! In Deutschland ist jenes Muster seit Jahren klar erkennbar. Selbst der finanziell enteilte FC Bayern hat seine Transferaktivitäten mit den Verpflichtungen von Nathaniel Brown und Ismael Saibari auf der Zugangsseite frühzeitig abgeschlossen und wird daran auch nichts mehr ändern, sofern nicht doch noch einer der großen Stars wider erwarten verlassen wird.
Für eine weitere Verzögerung des Treibens auf dem Transfermarkt sorgte die WM. Der Fokus lag auf Amerika, weil sowohl Spieler als auch Berater zunächst Urlaub machten und jetzt erst nach und nach ins Tagesgeschäft zurückkehren. Darüber hinaus hat sich der saudi-arabische Markt merklich verändert. Die gut betuchten Scheichs scheinen den Geldhahn zugedreht zu haben, weshalb ein Alternativmarkt zu England weggebrochen ist. Das untermauern die aktuellen Gerüchte rund um Cristiano Ronaldos Klub Al-Nassr, wonach die staatlichen Investmentfonds des Wüstenstaats (PIF) ob des hohen Schuldenbergs eine Transfersperre gegen den Verein verhängt hat. Die Verbindlichkeiten sollen sich auf knapp über 187 Millionen Euro belaufen.
Erfahrungsgemäß wird erst Mitte August wieder richtig Bewegung in den Transfermarkt kommen, wenn sich die Spieler in den Ligen zeigen und überzeugen können. Abgebenden Vereine bleibt somit auch weniger Zeit, einen Ersatz zu finden, was wiederum die Preise steigen lässt. Ein in den vergangenen Jahren wiederkehrendes Szenario, was freilich einmal mehr den abwartenden Klubs aus Englands in die Karten spielt.
Daher verwunderte es auch nicht, dass sich der SC Freiburg in Mio Backhaus (zwölf Millionen Euro vom SV Werder Bremen) frühzeitig um einen Nachfolger von Atubolu gekümmert hat, obwohl dieser noch gar nicht weg ist. Andernfalls wären die Breisgauer Gefahr gelaufen, bei einem Abgang kurz vor Ende des Transferfensters am 1. September ohne Ersatz dazustehen. Zumal mit den voraussichtlich hohen Einnahmen bei einem Atubolu-Verkauf mit Sicherheit auch die Ablöseforderungen an den SCF gestiegen wären.
Umso mehr überrascht die Situation, in die sich Atubolu hereinmanövriert hat respektive wurde. Der Verdacht, dass er und vor allem seine Berater sich völlig verspekuliert und den Markt unterschätzt haben, liegt auf der Hand. Dass der Torhütermarkt ob der weniger zu vergebenen Positionen innerhalb einer jeden Mannschaft generell etwas schwieriger ist, dürfte jedem klar gewesen sein. Eine derartige Fehleinschätzung der aufgezeigten Problematik ist aber nur schwer zu erklären.
Bei Atubolus Agentur handelt es sich obendrein um keine unbekannte. Seit Januar 2026 - wenige Monate vor Bekanntwerden seines Wechselwunsches - wird er von Epic Sports um Starberater Ali Barat vertreten, der auch für den FC Bayern kein unbeschriebenes Blatt ist. Im Sommer vergangenen Jahres fädelte der Iraner das kostspielige Leihgeschäft von Nicolas Jackson mit dem FC Chelsea ein und feierte sich anschließend in einer mehr als skurrilen Pressemitteilung mit der Überschrift "Ali Barat hat das Spiel neu definiert" in erster Linie selbst dafür. Das Schreiben erschien gerade einmal 13 Minuten nach der offiziellen Verkündung des Transfers - inklusive Zahlen, die in der Branche für gewöhnlich nie so detailliert öffentlich gemacht werden.
Unter Barats Fittichen befindet sich inzwischen ein Sammelsurium aus Spielern mit Rang und Namen, was die Verkennung im Falle von Atubolu noch verwunderlicher erscheinen lässt. Ebenso die Tatsache, dass ihm Ende 2025 sogar ein Award von der italienischen Sportzeitung Tuttosport für den besten Agenten des Jahres verliehen worden war. Zum zweiten Mal nach 2023, wodurch er auf eine Stufe mit dem ebenfalls zweifachen Preisträger und jahrelangem CR7-Berater Jorge Mendes (Gestifute) aufstieg.
Den Traum von der Insel konnte er seinem Klienten bis jetzt aber nicht erfüllen, der "von klein auf großer Fan" der Premier League ist. Atubolu befindet sich laut Hartenbach inzwischen in der Übergangsphase und führe "selbst persönliche Gespräche mit Vereinen". Der erhoffte Dominoeffekt lässt aber weiterhin auf sich warten und bleibt auf seiner neuralgischen Position womöglich auch aus. Hinzu kommt, dass er trotz allem gewisse Ansprüche an seinen neuen Arbeitgeber hat. Hull City und Coventry City waren ihm Berichten zufolge mindestens eine Nummer zu klein. Beiden Aufsteigern soll Atubolu eine Absage erteilt haben.
Lange darf die Suche nach einer bestmöglichen Lösung jedenfalls nicht mehr gehen. Andernfalls droht Atubolu ein verlorenes Jahr auf der Freiburger Tribüne. Ganz ohne die Chance, sich dem neuen Bundestrainer Jürgen Klopp für den vakanten Posten der Nummer eins im deutschen Tor zu empfehlen. Bis dahin bleibt sein Beziehungsstatus zu seinem Sehnsuchtsort kompliziert - und das liegt ausgerechnet an der Premier League selbst.
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