"Argentinien hat die Hand Gottes, wir haben das Ohr Mors": BVB-Flop legt bei seinem nächsten Abenteuer einen kuriosen Start hin | Goal.com Deutschland

"Ich bin fast durchgedreht", sagte ein erleichterter Dick Schreuder nach Abpfiff. Der Grund für die Emotionen beim Trainer von NEC Nijmegen war Emre Mor. Der türkische Flügelspieler, der 2017 für knapp zehn Millionen Euro aus seinem Geburtsland Dänemark zu Borussia Dortmund gewechselt war, hatte in seiner Karriere mit Disziplinlosigkeiten und sportlichem Leichtsinn schon einige seiner Übungsleiter auf die Palme gebracht. So skurril wie am Abend des 11. August aber wohl noch nie.
Der niederländische Klub, im Vorjahr sensationeller Dritter der Eredivisie, hatte in der 3. Runde der Champions-League-Qualifikation Olympiakos Piräus zu Gast - passenderweise einer von Mors Ex-Klubs. 0:0 endete das Hinspiel und das entscheidende Duell im De Goffert begann für die Hausherren mit einem Rückschlag: Flügelspieler Sami Ouaissa musste nach einer guten halben Stunde verletzt vom Platz.
Mor sollte für ihn kommen. Und zwar sofort, versteht sich. Es dauerte aber handgestoppte zwei Minuten und 49 Sekunden, ehe Mor das Feld betrat. Weil er seinen Ohrring nicht aus dem Ohr bekam.
Ja, richtig gehört - an der Seitenlinie stand Mor, um ihn herum der Großteil der aufgebrachten Nijmegen-Bank inklusive Coach Schreuder, und fummelte am Ohr des mittlerweile 29-Jährigen herum. Schreuder war komplett bedient.
"Ich wollte ihn letztlich selbst herausreißen. Letzte Woche durfte er mit einem Pflaster darüber spielen. Auf diesem Niveau ist es furchtbar, so lange in Unterzahl zu spielen. Das muss sich wirklich ändern", sagte er später. Alex Pastoor, Ex-Trainer und heutiger TV-Experte bei Ziggo Sport sagte: "Ich glaube, er dachte: Schneid ihm einfach das ganze Ohr ab!"
In Minute 30 kam Mor schließlich mit beiden Ohren, aber regelkonform ohne Ohrring, in die Partie - und wurde tatsächlich zum entscheidenden Mann. Nach 0:1-Rückstand rettete sich Nijmegen in die Verlängerung, Mor besorgte in der 95. dann das 2:1 zum Endstand und jubelte mit Tränen in den Augen. Es war Mors erstes Tor in einem Pflichtspiel nach 542 Tagen. Damals, im Februar 2025, hatte er noch für den türkischen Erstligisten Eyüpspor gespielt.
Schreuder zeigte sich angesichts des Ohrring-Vorfalls versöhnt: "Er hat das ein wenig wieder gutgemacht, indem er den Siegtreffer erzielt hat." Dass er den entkräfteten Joker zehn Minuten nach seinem Treffer wieder vom Platz nahm, hängt mit Mors diffuser Vorgeschichte zusammen.
Die gesamte Vorsaison, Mor stand bei Fenerbahce unter Vertrag, hatte er verpasst, weil ihn die Istanbuler nicht für den Spielbetrieb meldeten. Über die Gründe dafür schwieg sich Fener aus. Türkische Journalisten berichteten von einem Magenproblem.
Der 1,69 Meter kleine, dribbelstarke Mor hat angekündigt, über seine schwierige letzte Zeit zu einem passenden Zeitpunkt sprechen zu wollen. Nach dem Abend gegen Piräus genoss er in erster Linie die zu Beginn seiner Laufbahn gewohnte, aber lange nicht mehr gefühlte Aufmerksamkeit.
"Davon träumt man als Fußballer, besonders in meiner Situation. Ich hatte keine einfachen zwei Jahre", sagte Mor. "Dann in einem so wichtigen Spiel eingewechselt zu werden und das Siegtor zu erzielen - ich glaube, man kann gar nicht in Worte fassen, wie gut sich das anfühlt."
Und die Sache mit dem Ohrring? "Ich sagte zum Trainer: Tut mir leid, ich hatte noch nie davon gehört, dass man den Ohrring nicht mit Klebeband abdecken darf", erklärte der 15-malige Nationalspieler. "Ich konnte ihn nicht herausbekommen, also habe ich ihn einfach aus dem Ohr gezogen. Es hat geblutet, aber es ist alles in Ordnung."
Mor erklärte auch, warum er den Ohrring überhaupt zum Kicken trug: "Ich trage ihn nicht, weil ich finde, dass er schön aussieht. Es ist etwas aus Japan oder China, das beim Schlafen helfen soll." Journalist Marcel Rözer fasste in seiner Kolumne für die Regionalzeitung De Gelderlander den Abend so zusammen: "Argentinien hat die Hand Gottes, wir haben das Ohr Mors."
Doch wie ist Mor, der nach seinem Abgang vom BVB noch für Celta Vigo, Galatasaray und Fatih Karagümrük spielte, überhaupt im Osten der Niederlande gelandet? Als ablösefreier Spieler war er auf den Markt gekommen, nachdem Fenerbahce seinen Vertrag nicht mehr verlängerte. Also musste Berater Nima Modyr Werbung für Mor machen und tat dies bei Carlos Aalbers, seit 2022 Technischer Direktor bei NEC.
"Wir kennen uns schon sehr lange", sagte der 62-Jährige über seine Verbindung zu Modry. "Wir haben telefoniert und Nima hat mir Emres Situation geschildert. Aufgrund persönlicher Umstände hatte er eine ganze Weile eine Pause vom Fußball eingelegt." Nijmegen lud Mor daraufhin zum Probetraining ein. "Wir haben ausführlich über Emre gesprochen. Dann hatten wir einen Videoanruf mit ihm. Dick Schreuder hat mit ihm gesprochen, während er im Urlaub in Marbella war. Natürlich kennt jeder Emre, aber seine Karriere befand sich auf einem Abwärtstrend. Wir werden sehen, ob wir diesen Trend wieder umkehren können und ob wir uns gegenseitig helfen können."
Mor trainierte mit dem Team und absolvierte Testspiele als rechter Flügelspieler. Bei seinem ersten, 20-minütigen Auftritt gegen Amateurklub De Treffers steuerte er die Vorlage zum 1:1-Endstand bei. Gegen Duisburg stand Mor kurz darauf in der Startelf. Das reichte den Verantwortlichen. Mor erhielt einen Vertrag bis 2028.
"Ich bin dem Verein sehr dankbar. Sie wollen mich wieder glücklich machen, das war das Wichtigste", sagte Mor. "Ich werde nicht über Geld verhandeln. Mir ist Geld völlig egal. Tut mir leid, dass ich das so direkt sage. Ich will einfach wieder Spaß haben, der Verein unterstützt mich dabei. Alle stehen hinter mir und das tut gut." Auch Aalbers jubilierte: "Emre hat außergewöhnliche Qualitäten. Spieler seines Kalibers sind für uns normalerweise unerreichbar."
Allzu sehr hat Nijmegen jedoch noch nicht von Mors Fähigkeiten profitiert. Der Überraschungsklub des Vorjahres startete mager ins neue Jahr. In der Liga steht nach drei Pleiten in sieben Spielen nur Platz elf zu Buche, der Auftakt in die Europa-League-Ligaphase (in den CL-Playoffs schied man gegen Bodö/Glimt aus) ging mit 0:5 bei Juventus Turin in die Hose.
Das hat auch mit den großen Verletzungssorgen zu tun, die den Verein plagen. Sie betreffen auch Mor, der einmal krank ausfiel und zweimal aufgrund der Nachwirkungen der für ihn noch ungewohnten Belastungen fehlte. "Der Trainer verlangt mir körperlich viel ab und ich habe ein ganzes Jahr nicht gespielt, deshalb muss ich es Schritt für Schritt angehen", sagte er.
Momentan fehlt Mor mit einer Leistenverletzung, die ihn voraussichtlich bis Mitte Oktober außer Gefecht setzen wird. Das ist besonders ärgerlich für ihn, schließlich hätte er in der langen Länderspielpause ausgiebig an seiner Fitness arbeiten können. Das wird nun nur eingeschränkt möglich sein.
"Für ihn geht es nicht mehr ums Geld, das ist kein Hindernis mehr", hatte Coach Schreuder Anfang Juli gesagt, als Mor bei ihm vorspielte. "Vielleicht ist es genau das, was ihm die nötige Ruhe gibt, um wieder befreit aufzuspielen." Hoffnungen wie diese hatten in den vergangenen Jahren vor Schreuder aber auch schon einige andere Trainer, angefangen bei Thomas Tuchel in Dortmund und Juan Carlos Unzue in Vigo.
Kaum jemand schaffte es allerdings, dem frühzeitig als "türkischen Messi" gebrandmarkten Mor die richtige Mentalität sowie physische Stabilität einzuimpfen. Mor bringt Qualitäten mit, durch die er den Unterschied ausmachen könnte. Doch ihm mangelte es zu oft an den Basiselementen des Mannschaftsspiels Fußball: taktische Disziplin, Beharrlichkeit, Fleiß, aber auch Raumgefühl, Entscheidungsfindung und schlichtweg Realismus.
"Ich hoffe, dass dieses Tor der Wendepunkt ist, den ich nun genießen werde", sagte Mor an jenem Abend des 11. August. Bei sieben Spielen und 236 Einsatzminuten steht er nun, statt einem weiteren Tor ist noch eine Vorlage dazugekommen. Von Anfang an durfte er erst einmal ran, in der Liga aber noch nie.
"Ein Gewinner ist nur ein Verlierer, der es noch einmal versucht hat", schrieb Mor bei Instagram nach dem Wechsel zum bereits neunten unterschiedlichen Profiklub in seiner Karriere. Ob Mors nächster Versuch auch wirklich den erhofften Wendepunkt bringt, ist derzeit nicht abzusehen. Sollte der Vorfall mit dem Ohrring jedoch das geräuschvollste Kapitel in Nijmegen bleiben, es würde zu Mors schillernden Vita durchaus passen.
Zeitraum
Verein
Pflichtspiele
Tore
Vorlagen
2015-2016
FC Nordsjaelland
13
2
2
2016-2017
Borussia Dortmund
19
1
2
2017-2022
Celta Vigo
52
2
4
2019-2020
Galatasaray (Leihe)
17
-
-
2020
Olympiakos Piräus (Leihe)
2
-
-
2021-2022
Fatih Karagümrük SK (Leihe)
29
6
4
seit 2022
Fenerbahce
49
6
5
2024
Fatih Karagümrük SK (Leihe)
13
1
2
2024-2025
Eyüpspor (Leihe)
22
2
4
seit 2026
NEC Nijmegen
7
1
1
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