"Genau das brauchen wir": Debütant könnte für Jürgen Klopp das große DFB-Problem schnell lösen | Goal.com Deutschland

Şu adreste yayınlandı 26 Sep 2026 | Okuma zamanı: 1 dakika"Genau das brauchen wir": Debütant könnte für Jürgen Klopp das große DFB-Problem schnell lösen | Goal.com Deutschland

Spätabends in den Katakomben der Johan Cruyff Arena spielte sich eine Sequenz ab, die Philipp Treus Entwicklung wunderbar sinnbildlich untermalte. Weil in der Mixed Zone einige Deckenlampen nicht funktionierten, wirkte der Raum sehr düster und musste mit separaten Scheinwerfern ausgeleuchtet werden. Als Treu nach dem 1:1 gegen die Niederlande zu seinem Interview erschien, stellte er sich zunächst etwas abseits in den Schatten, ehe er von den Reportern ins Scheinwerferlicht gebeten wurde.

Treu kam an diesem Abend nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes im Rampenlicht des deutschen Fußballs an, sondern auch im sprichwörtlichen Sinne. Bei Jürgen Klopps kämpferisch guten, spielerisch aber durchwachsenen Bundestrainerdebüt avancierte der 25-jährige Rechtsverteidiger des SC Freiburg zum großen Gewinner. "Ich würde gerne 'Pippo' herausheben, Philipp Treu", sagte sein Abwehrkollege Jonathan Tah. "Wie er die Linie rauf und runter gerannt ist, war top. Genau das brauchen wir." 

Als einzigen der zahlreichen Debütanten berief ihn Klopp direkt in die Startelf und er dankte es ihm mit einem beherzten Auftritt. Treu hatte auf der rechten Außenbahn einen großen Aktionsradius, mit einer flachen Hereingabe leitete er Felix Nmechas Führungstor ein.

Im Rückwärtsgang stimmte die Abstimmung zwar nicht immer, insgesamt verteidigte er aber passabel gegen Cody Gakpo. Ist Treu die Antwort auf die ewige Suche nach einem passenden Rechtsverteidiger für das DFB-Team? 

Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann setzte rechts hinten zumeist aushilfsweise auf Joshua Kimmich. Klopp beorderte den Kapitän sofort ins Zentrum und machte sich auf die Suche nach Alternativen. Wobei "Suche" vielleicht das falsche Wort ist. Seine Lösung hatte Klopp offenbar schon längst parat. "Wir reden in Deutschland darüber, dass wir keine Rechtsverteidiger haben", sagte Klopp bei seiner Nominierungs-Pressekonferenz. "Und da spielt einer, der sich selbst fragen muss: Hä, worüber reden die?"

Gemeint war Treu, der mit seiner intensiven Spielweise perfekt zu Klopps Umschaltfußball passt. Ein bisschen wie einst Kevin Großkreutz bei Borussia Dortmund oder Andrew Robertson beim FC Liverpool. "Es ist natürlich cool zu hören, dass mal jemand die Augen aufmacht und nach Freiburg geguckt hat", sagte Treu, als er nach seinem gelungenen DFB-Debüt endlich im Scheinwerferlicht angekommen war. Treu ist es gewohnt, dass bei ihm alles etwas länger dauert. Er galt nie als absolutes Toptalent, seine bisherige Karriere ist geprägt von Umwegen. 

In der Jugend spielte der gebürtige Heidelberger für den SV Sandhausen und den 1. FC Kaiserslautern, ehe er zu RB Leipzig wechselte. Nach der Abmeldung der dortigen Zweitvertretung zog Treu 2017 zum SC Freiburg weiter. Mit der U19 gewann er den DFB-Juniorenpokal, mit der Reserve stieg er in die 3. Liga auf. Für den Sprung zu den Profis reichte es aber nicht, immerhin unterstützte er sie gelegentlich aus dem Fanblock. 2023 wechselte Treu zum FC St. Pauli in die 2. Bundesliga und stieg direkt auf. 23 Jahre war er damals alt. 2025 holte ihn Freiburg für 5,5 Millionen Euro zurück. Als Stammspieler. Für die Profis.

"Ich wusste schon immer, dass ich nicht dieser Schnellzünder bin", sagt Treu heute. Die Hoffnung auf eine große Karriere verlor er auch wegen spezieller Vorbilder nicht. Er habe sich "an so einem Robert Andrich oder Anton Stach orientiert", die ebenfalls erst im verhältnismäßig hohen Fußballeralter für die Nationalmannschaft debütierten. "Ich wollte mich peu a peu auf die linke Überholspur setzen und mich heranpirschen, um meine Konkurrenten zu überholen." 

Auf dieser Überholspur konkurriert Treu aktuell mit Josha Vagnoman, der beim VfB Stuttgart zuletzt eine ähnlich gute Entwicklung hinlegte und es ebenfalls in Klopps ersten Kader schaffte. "Wir pushen uns gegenseitig", sagte Treu und erzählte mit einem Augenzwinkern: "Ich kann mich an sein Tor gegen Bayern erinnern, als ich auf der Couch sitze und denke: Scheiße, jetzt macht der sein Tor." Nach sechs Pflichtspielen steht Vagnoman bereits bei zwei Toren und zwei Assists.

Gegen die Niederlande gab Klopp dennoch Treu den Vorzug. Ob er nervös gewesen ist? "Ne, ganz im Gegenteil", erwiderte Treu. "Für mich ist das Extramotivation, wenn ich weiß, dass mein Gegenspieler Cody Gakpo ist." Dank der gemeinsamen Zeiten beim FC Liverpool versorgte ihn Klopp vorab mit Insiderwissen über den niederländischen Stürmer: "Er hat zu mir gesagt: Offensiv kann der gut kicken, aber defensiv hat der nicht so Lust nach hinten zu arbeiten. Da habe ich ihn genervt."

Insgesamt habe ihm Klopp "eine gewisse Lockerheit" vermittelt, verriet Treu. Während der Partie half ihm dann vor allem ein Nebenmann. "Jonathan Tah hat mich von hinten immer gecoacht. Er hat gesagt: 'Hey, du kannst nach vorne rausrennen, du kannst sprinten, ich habe deinen Rücken.' So etwas gibt einem ein super Gefühl." Tatsächlich waren zwar dennoch Abstimmungsprobleme offensichtlich, Treus Mut aber lohnte sich nicht nur beim Führungstor.

Im Nachhinein hadert er lediglich mit einer Szene, als er eine mögliche Schusschance verstreichen ließ. "Das ist das, wo ich nach dem Spiel sage: Hey, da musst du noch besser werden, dir das Herz nehmen und selber schießen und nicht nochmal ablegen", befand Treu, der in seinem Interview einen reflektierten, frechen, einfach sympathischen Eindruck machte.

Er hat das Potenzial, Deutschlands Probleme rechts hinten zu beheben. Er hat aber auch das Potenzial zum Sympathieträger und Fanliebling. "Jetzt geht es erst richtig los", sagte Treu und verabschiedete sich aus dem Scheinwerferlicht von Amsterdam.


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