"Geisterspiele" aus freiem Willen! Lazio Rom spielt groß auf - und kaum jemand schaut zu | Goal.com Deutschland

Published on 17 Sep 2026 | Reading time: 4 minutes"Geisterspiele" aus freiem Willen! Lazio Rom spielt groß auf - und kaum jemand schaut zu | Goal.com Deutschland

Gennaro Gattuso sah sich am Samstag an eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Menschheitsgeschichte erinnert: "Es fühlt sich an wie während der Covid-Pandemie." Seine Mannschaft hatte gerade 2:2 gespielt gegen die AC Milan. Eigentlich ein Topspiel des italienischen Fußballs, doch im riesigen Stadio Olimpico schauten nur rund 10.000 Fans zu - und davon stand die Mehrheit hinter den Gästen. 

Der Gästeblock war mit 5.500 Tickets ausverkauft und auch in den umliegenden Sektoren dominierten Milans Rot und Schwarz. "Wir vermissen unsere Fans unglaublich", sagte Gattuso. "Fußball ohne Fans ist eine Plage. Da kann man auch gleich mit dem Hund spazieren gehen." Vergangene Saison waren zur selben Begegnung noch rund 50.000 Zuschauer gekommen.

Grund für die Covid-Kulisse ist der eskalierende Streit zwischen Lazios Fans und Klubboss Claudio Lotito. Schon seit längerem protestieren die Tifosi gegen Lotito, nun wollen sie ihn mit einem Generalboykott aus dem Amt drängen. In der vergangenen Saison verkaufte Lazio noch rund 30.000 Dauerkarten, in dieser nur etwa 4000. Zudem boykottieren die Fans den offiziellen Fanshop und sämtliche andere von Lotito kontrollierten Einrichtungen.

Die Hintergründe für die Wut der Fans sind breit gestreut. Da wäre die sportliche Stagnation der Mannschaft. Lazio landete in den vergangenen drei Jahren auf den Plätzen sieben, sieben und neun. Der letzte Titelgewinn ist ein Coppa-Italia-Triumph von 2019, noch vor der Pandemie also. Die Tifosi werfen Lotito vor, zu wenig Geld in den Kader zu investieren, dem Klub generell zu wenig Aufmerksamkeit zu schenken - und sich selbst und seine übrigen Tätigkeiten gleichzeitig zu viel.

Passend dazu steht eine Aussage Lotitos aus einem Anfang des Jahres geleakten Telefonat: "Der Verein hat einen Namen: Claudio Lotito." Er selbst, seit 2004 Eigentümer Lazios, hat derweil mehr als nur einen Verein. 2011 übernahm der mittlerweile 69-jährige Politiker den damaligen Viertligisten Salernitana und führte ihn innerhalb von zehn Jahren bis in die Serie A, woraufhin er ihn aufgrund der Eigentümer-Regularien des Verbands verkaufen musste. Diesen Sommer stieg er bei Reggina ein. Einem weiteren Viertligisten, mit dem er nun offenbar dasselbe vorhat wie mit Salernitana.

Lazio verkaufte in den vergangenen Monaten derweil mit Taty Castellanos, Matteo Guendouzi, Mario Gila, Alessio Romagnoli und Ivan Provedel reihenweise wichtige Spieler. Kostspielige Vertreter kamen jedoch nicht. In einer offiziellen Mitteilung beklagten die Fans eine "klare Investitionsverweigerung" Lotitos. Sowohl in der vergangenen Saison als auch in der abgelaufenen Transferphase nahm der Klub mehr Geld für Spieler ein, als er ausgab. Für wenig Begeisterung sorgte gleichzeitig Gattusos Bestellung zum neuen Cheftrainer, war er doch zuvor mit der italienischen Nationalmannschaft blamabel in der WM-Qualifikation gescheitert.

Lotito kam in der Vergangenheit zudem immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Im Zuge des großen italienischen Wettskandals von 2006 wurde er für zwei Jahre gesperrt, 2009 wegen Kursmanipulationen verurteilt und während der Pandemie wegen Nichteinhaltung geltender Infektionsmaßnahmen erneut.

Der Ruf von Lazios Fanszene ist - der Vollständigkeit halber - übrigens ähnlich zweifelhaft wie Lotitos. Immer wieder fallen die himmelblauen Tifosi mit rassistischen, faschistischen, frauenfeindlichen und antisemitischen Aktionen auf. Eine kleine Auswahl gefällig?

2018 forderte eine Fangruppierung Frauen dazu auf, den ersten zehn Reihen des Fanblocks fernzubleiben. Weil der damalige Neuzugang Elseid Hysaj 2021 zum Einstand das Partisanenlied "Bella Ciao" sang, tauchte auf einer einer Brücke in Rom ein Banner mit der Aufschrift "Hysaj ist ein Wurm, Lazio ist faschistisch" auf. Beim Champions-League-Gastspiel gegen den FC Bayern 2024 zeigten Lazio-Fans im Münchner Hofbräuhaus den Römischen Gruß und riefen "Duce", den Titel des ehemaligen Diktators Benito Mussolini. 

Trotz der prominenten Abgänge, der geringen Investitionen, trotz Gattuso, des Boykotts und eines blamablen Pokal-Ausscheidens gegen den Zweitligisten Mantova im August legte Lazio wundersamerweise einen starken Start in die neue Saison der Serie A hin. Vor dem respektablen Remis gegen Milan hatten die Römer zum Auftakt drei Siege in Folge gefeiert. Entscheidende Rollen spielten dabei ausgerechnet mehrere Neuzugänge.

Mittelfeldspieler Davide Frattesi kam leihweise von Inter Mailand und erzielte bereits drei Treffer. Die Leihgebühr beträgt fünf Millionen Euro, im kommenden Sommer besitzt Lazio eine Kaufoption über zehn Millionen - er könnte ein absolutes Schnäppchen werden. Auch Leihstürmer Albert Gudmundsson von der AC Florenz traf bereits. Danilho Doekhi (ablösefrei von Union Berlin) etablierte sich direkt als Stammspieler in der Innenverteidigung, ehe er sich einen Mittelhandbruch zuzog. 

Sollte der sportliche Aufwärtstrend anhalten, wird es spannend, wie lange die Fans den Boykott aufrechterhalten. Lotito selbst zeigte sich bisher jedenfalls völlig unbeeindruckt. "Lasst sie machen, was sie wollen, dann sehen wir weiter", erklärte er neulich. 

Der Boykott richtet sich übrigens explizit nur gegen Lotito, nicht etwa gegen die Mannschaft. Zu Tausenden reisten Lazio-Fans zu den beiden bisherigen Auswärtsspielen nach Genua und Udine. Vor dem Heimspiel gegen Milan begleiteten sie den Mannschaftsbus mit einem Moped-Konvoi vom Trainingsgelände zum Stadion. "Ich war von dieser Menge bewegt", sagte Gattuso. Nur zweimal wollen die Tifosi in dieser Saison doch das Olimpico betreten - und zwar bei den Derbys gegen die AS Roma, das erste steigt Mitte Dezember.


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