Er benannte Nmechas Defizit bereits bei der WM: Klopps Dilemma bei der Besetzung des DFB-Mittelfelds | Goal.com Deutschland

Er wolle viel experimentieren und sich von allen Spielern erstmal selbst ein Bild machen, betonte Jürgen Klopp vor seinem Start als Bundestrainer immer wieder. Klare Aussagen personeller Natur traf er kaum - mit einer Ausnahme: Joshua Kimmich. Unmissverständlich kündigte Klopp an, dass Kimmich von rechts hinten ins Mittelfeldzentrum zurückkehrt und Kapitän bleibt. Fußballerisch und menschlich sieht der Bundestrainer den 31-Jährigen künftig als Herz der Nationalmannschaft. In den ersten beiden Spielen der Ära Klopp fremdelte das Herz aber noch bedenklich mit den umliegenden Organen.
Statt wie zumeist in den vergangenen Jahren spielte die Nationalmannschaft unter Klopp nicht in einem 4-2-3-1-System, sondern in einem etwas asymmetrischen 4-3-3. Kimmich gab den zentralen Sechser. Leicht versetzt halbrechts agierte Felix Nmecha. Die noch etwas offensivere halblinke Position sollte gegen die Niederlande eigentlich Jamal Musiala übernehmen, er verletzte sich aber beim Aufwärmen und wurde spontan durch Nadiem Amiri ersetzt. Gegen Griechenland begann dort Debütant Bambase Conte.
In Ballbesitz funktionierte das Gebilde phasenweise ganz ordentlich. Kimmich als tiefer Stratege, Nmecha als Box-to-Box-Spieler, dazu als drittes Element Amiri oder Conte. Kimmich forderte stets in der Tiefe die Bälle, gegen Griechenland kam er auf beeindruckende 152 Ballaktionen. Er leistete sich zwar einige Unkonzentriertheiten, spielte in beiden Partien aber auch viele kluge Pässe. Kimmichs Verlagerung auf Philipp Treu war beispielsweise der Ausgangspunkt der zwischenzeitlichen Führung gegen die Niederlande - durch den aufgerückten Nmecha. Dessen Vorstöße waren in den ersten beiden Spielen unter Klopp eine verlässliche Waffe. Wie schon bei der verkorksten WM, als ihm drei Scorerpunkte gelangen.
Genauso verlässlich vernachlässigt Nmecha aber das Spiel gegen den Ball. Das zeigte sich ebenfalls schon bei der WM, als pikanterweise ausgerechnet der damalige TV-Experte Jürgen Klopp darauf hinwies. Wenn sich Nmecha in diesem Bereich nicht verbessert, so Klopp, "wird ihm irgendwann einer sagen: Klasse Spieler, aber ich habe da einen, der ist am Ball so gut wie du und gegen den Ball doppelt so gut. Also besser das jetzt ins Spiel einbauen als später."
Bei der WM bildete Nmecha eine gegen den Ball dysfunktionale Doppelsechs mit Aleksandar Pavlovic. Die defensive Abstimmung zwischen Nmecha und Kimmich funktionierte in den ersten beiden Klopp-Spielen kaum besser. Gegen die Niederlande fehlte dem deutschen Mittelfeld über weite Strecken völlig die Absicherung. Immer wieder boten sich den Gastgebern riesige Räume. Vor allem in der zweiten Halbzeit resultieren daraus zahlreiche hochkarätige Chancen, der späte Ausgleich war hochverdient.
Gegen Griechenland stand Deutschland zunächst zwar stabiler, was aber zuallererst auf Griechenlands deutlich abwartendere Spielweise zurückzuführen war. Bezeichnenderweise hatten Nmecha und Kimmich entscheidenden Anteil am späten Gegentor. Nmecha fand gegen den Torschützen Dimitrios Kourbelis nicht in den Zweikampf. Kimmich fälschte den Schuss entscheidend ab. Kurz zuvor hatte Kimmich mit einem unnötigen Ballverlust die erste griechische Topchance durch Fotis Ioannidis ermöglicht.
Ein Blick auf ihre Klubs zeigt deutlich, wie die Stärken der beiden am besten zur Geltung kommen. Nmecha wird beim BVB im zentralen Mittelfeld einerseits von Neuzugang Joey Veerman abgesichert. Zudem bietet Trainer Niko Kovac im 3-4-3-System drei Innenverteidiger auf. Nmecha hat also einen Mann mehr im Rücken als nun bei der Nationalmannschaft.
Kimmich bildet beim FC Bayern im 4-2-3-1-System unter Trainer Vincent Kompany eine funktionierende Doppelsechs mit Aleksandar Pavlovic. Pavlovic ist zwar offensiv deutlich ungefährlicher als Nmecha, agierte dafür aber im Passspiel und im Zweikampfverhalten strategisch klüger. Die naheliegendste Lösung für Klopp wäre es natürlich, einfach das eingespielte Duo Kimmich/Pavlovic vom FC Bayern zu übernehmen - doch das ist unter den aktuellen Umständen leichter gesagt als getan.
Klopp müsste dafür entweder von seinem offenbar fest eingeplanten 4-3-3-System abweichen. Oder Kimmich und Pavlovic müsste sich anders positionieren als beim FC Bayern mit der offenen Frage, ob und wie schnell das Zusammenspiel dann so reibungslos funktioniert wie in München. Gleichzeitig wäre es aktuell fast schon fahrlässig, auf Nmechas Offensivdrang zu verzichten. Dank Harry Kane, Michael Olise und Co. muss beim FC Bayern mit der Doppelsechs Kimmich/Pavlovic niemand einen Mangel an Treffern befürchten. Im DFB-Team gibt es aktuell aber nur sehr wenige verlässlich torgefährliche Spieler - und Nmecha ist einer davon.
Eine Option wäre es, im 4-3-3 alle gemeinsam aufzubieten mit Nmecha als offensivstem Part. Das würde aber ein anderes Problem kreieren: Die in diesem System ohnehin schwierige Eingliederung der beiden talentiertesten deutschen Fußballer Florian Wirtz und Jamal Musiala wäre damit noch komplizierter. Auf den offensiven Außenbahnen scheint Klopp nämlich mit klassischen Flügelstürmern zu planen. Gegen die Niederlande und Griechenland begannen Karim Adeyemi und Kevin Schade. Bei den verbleibenden Spielen mit dem zweiten Kader gegen Serbien und in Griechenland dürfen sich dort wohl Lennart Karl und Said El Mala zeigen.
Wohin also mit Wirtz und Muislala bei einem Mittelfeld mit Kimmich, Pavlovic und Nmecha? Ungeachtet aller potentiellen Schwierigkeiten kann Klopp diese Option zumindest in dieser Länderspielphase ohnehin nicht mehr testen. Kapitän Kimmich und Nmecha reisen nun unwillig von der Nationalmannschaft ab. Pavlovic steht im zweiten Kader und dürfte gegen Serbien und in Griechenland beginnen, womöglich zwischen seinem Münchner Kollegen Tom Bischof als defensiverem Part halbrechts und Wirtz etwas weiter vorne links.
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