"Wachsende Unzufriedenheit": Fabrizio Romano droht der Absturz im hart umkämpften Business der Transfergerüchte | Goal.com Deutschland

Diejenigen unter uns, die schon ein wenig länger die Geschehnisse rund um die schönste Nebensache der Welt verfolgen, werden sich nur allzu gut daran zurückerinnern können, welch gravierende Langeweile teilweise herrschte, wenn das runde Leder während der Sommer- und Winterpausen wochenlang stillstand und man sehnlichst darauf wartete, dass die fußballfreie Zeit zu Ende gehen und der Ball in den Stadien endlich wieder rollen würde.
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Selbstverständlich gab es auch "damals" schon einen Transfermarkt. Und selbstverständlich war die Begeisterung, wenn der eigene Klub einen neuen, verheißungsvollen Namen als Neuzugang präsentierte, dieselbe, wie es heutzutage zumeist noch der Fall ist. Gleichwohl war das Treiben auf dem Markt und allen voran die mediale Berichterstattung darüber eine völlig andere.
So kam es nicht selten vor, dass auch große Klubs wie Real Madrid, der FC Bayern München oder Manchester United Neuzugänge völlig überraschend und ohne jegliche Vorahnung ihrer Fans aus dem Hut zauberten. Das Gefüttere mit täglichen Gerüchten existierte "damals" noch nicht in dieser Form, alles spielte sich ein wenig langsamer und unscheinbarer ab, als es heute der Fall ist. Oder zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als ein gewisser Fabrizio Romano vor etwa 15 Jahren ins Rampenlicht trat und die Berichterstattung über den Fußball an sich, vor allem aber abseits davon über die Transfermärkte, völlig veränderte.
Im Jahr 2011 machte Romano erstmals von sich reden, als er, als gerade einmal 18-jähriger Nachwuchsjournalist, exklusive Informationen vom Wechsel des damaligen La-Masia-Talents Mauro Icardi vom FC Barcelona zu Sampdoria veröffentlichte. Es war Romanos erstes großes "Here we go" - auch wenn er es damals noch nicht so nannte. Es folgten unzählige weitere.
Zwei Jahre später, als Icardi Genua verließ und in Richtung Inter Mailand weiterzog, war es nämlich erneut der in Neapel geborene Italiener, der den Transfer als Erster verkündete. Die entsprechenden Infos hatte Romano von Icardis Agent erhalten, den er zuvor in Mailand kennengelernt hatte. Vom Vollzug des Deals bekam er deshalb lange vor allen etablierten Medien Wind und erarbeitete sich in seiner Heimat direkt einen gewissen Ruf.
Ab 2012 kam Romano schließlich bei Sky Italia unter und arbeitete unter den Fittichen des damals in der Branche schon äußerst bekannten Transfer-Experten Gianluca Di Marzio. Bis zum Schritt in die Selbstständigkeit im Jahr 2018 verbrachte er seine Zeit hauptsächlich damit, sich ein eigenes Netzwerk aus Agenten, Vereinsverantwortlichen und Spielern aufzubauen, die später das Grundgerüst seines auf Schnelligkeit und Exklusivität beruhenden Transferjournalismus-Modells bilden sollten.
Der endgültige Durchbruch gelang Romano spätestens 2019. Von da an veröffentlichte er seine Tweets durchgängig auf Englisch, um ein größeres, breiteres Publikum auf verschiedenen Plattformen anzusprechen. Sein legendäres "Here we go" als Ausdruck eines vollzogenen Transfers wurde zum weltweiten Internet-Phänomen und Markenzeichen des Italieners.
Aufgrund seiner ausgezeichneten Kontakte zu Spielern, Beratern und Funktionären bewies Romano häufig ein glückliches Händchen bei der Verkündung von bevorstehenden Wechseln und stieg deshalb auch in der Fan-Szene schnell zur verlässlichsten Quelle auf dem Transfermarkt auf. Wenn von Fabrizio ein "Here we go" kam, dann wusste man, dass es passieren würde. Das Vertrauen in ihn war größer als das in manches etabliertes Medienhaus.
Mittlerweile betreibt Romano eigene Kanäle mit Dutzenden Millionen Followern und arbeitet unter anderem für den englischen Guardian und das US-amerikanische Unternehmen CBS Sports. Seine Bekanntheit geht heute so weit, dass Profiklubs ihn regelmäßig buchen, um Verpflichtungen neuer Spieler in offiziellen Social-Media-Ankündigungsvideos zu enthüllen. Eigenen Aussagen zufolge kommt es nicht selten vor, dass ihn Spieler per Direktnachricht fragen, wohin ihre Teamkollegen wechseln oder wer ihr neuer Cheftrainer wird.
Seit diesem Sommer nun weht der Wind aus einer etwas anderen Richtung. Noch immer ist die Nachfrage nach qualitativ hochwertigem Transferjournalismus allem Anschein nach ungebrochen - für Romano also eigentlich beste Voraussetzungen, um an seinem Denkmal als kaum fehlbarer Transfer-Guru weiter zu feilen. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung ist der Italiener längst nicht mehr so unangefochten, wie er das einst war. Die Kritik am immer mehr Überhand nehmenden Transferjournalismus an sich wächst, vor allem aber treffen Romanos Arbeitsweise und Methoden auf immer stärkeren Gegenwind.
Nicht erst seit gestern wird dem Italiener vorgeworfen, Schnelligkeit einer sauberen journalistischen Vorgehensweise vorzuziehen. Um Reichweite und damit mehr Klicks zu generieren, postet Romano gerne einmal Ergebnisse wichtiger Spiele schon Minuten vor dem eigentlichen Abpfiff, nur um sie dann, sollte spät noch ein Tor fallen, wieder zu löschen. Extreme Kritik brachte ihm auch der Umgang mit Liverpools verstorbenem Stürmer Diogo Jota ein, zu dessen tragischem Tod er unzählige Postings absetzte und er dem Vorwurf gegenüberstand, das tragische Ereignis für eigene Reichweite und Einnahmen ausschlachten zu wollen.
Die Plattform Reddit verhängte Ende Juli dieses Jahres sogar einen Sperre gegen Romano, da dieser nach Ansicht der Moderatoren "fragwürdige journalistische Praktiken anwende". Auf der Unterseite Reddit Soccer dürfen Beiträge des Italiener künftig nicht mehr als Quelle verwendet werden. Die Plattform begründet dies unter anderem mit der "wachsenden Unzufriedenheit" vieler Nutzer mit Romano.
Gleichzeitig gibt es auch moralische Bedenken. In der Stellungnahme heißt es: "Romano habe unter anderem dem wegen Vergewaltigungsvorwürfen in die Kritik geratenen Mason Greenwood eine Plattform geboten." England-Star Greenwood war im Januar 2022 wegen des Verdachts auf Vergewaltigung, Körperverletzung und Morddrohung verhaftet worden. Sein damaliger Verein, Manchester United, suspendierte ihn. Etwa ein Jahr später, im Februar 2023, wurde die Anklage fallengelassen.
Und dann wäre da natürlich noch der jüngst öffentlich ausgetragene "Zoff" zwischen Romano und Sky-Transferjournalist Florian Plettenberg. Anlass dafür ist der unmittelbar bevorstehende Wechsel von RB Leipzigs Yan Diomande zu Real Madrid. Während Romano bereits vor vielen Tagen seinen obligatorischen "Here we go"-Post absetzte und damit suggerierte, dass der Transfer bereits in trockenen Tüchern sei, dementierte Plettenberg entschieden und warf dem Italiener vor, fremde Exklusiv-Informationen als seine eigenen zu verkaufen.
Als daraufhin Romano Privatnachrichten der beiden veröffentlichte und dem Sky-Reporter heuchlerisches Verhalten unterstellte, eskalierte die Situation. "Vielleicht sollte ich mal Nachrichten von vor ein paar Jahren teilen, in denen du mich gefragt hast: 'Wie kann ich meine Followerzahl steigern?' oder 'Deine Arbeit ist meine Motivation'", schrieb Romano auf seinem X-Account. Plettenberg konterte: "Eine traurige Entwicklung. Im Gegensatz zu dir werde ich unsere Gespräche vertraulich behandeln. Früher warst du für viele ein Vorbild. Auch für mich. Für mich bist du das leider nicht mehr. Ich bin einfach dankbar dafür, dass ich selbst ein Vorbild für andere sein kann."
Dass Plettenberg mit seiner Kritik an Romano zweifelsfrei einen Nerv traf, bestätigte am Mittwoch auch RB Leipzigs Sport-Geschäftsführer Marcel Schäfer. "Dass das ein heißes Thema ist, das verstehe ich", erklärte dieser am Rande des Trainingslager der Bullen in Österreich: "Aber grundsätzlich möchte ich auf Gespräche mit jeweiligen Klubs gar nicht genauer eingehen. Wenn wir etwas zu vermelden haben, dann würden wir das tun."
Einen Seitenhieb, speziell gegen die jüngste Berichterstattung Romanos, konnte sich Schäfer dann aber nicht verkneifen. "Klar ist, dass der ein oder andere sogenannte Transferexperte das schon vor sieben bis zehn Tagen vermeldet hatte, dass etwas 'done' oder 'Here we go' sei. So ist es halt einfach nicht. Da gehören Gespräche dazu mit unterschiedlichen Beteiligten."
Auch durch das Mitwirken Romanos ist der moderne Fußball in der jüngeren Vergangenheit immer mehr von seinem eigentlichen Kern, dem Spiel auf dem Platz, abgedriftet - hin zu einem Überbietungswettbewerb der verschiedenen Transferjournalisten, wer welche Infos am schnellsten auf seinen eigenen Plattformen verkaufen kann.
Die öffentliche Kritik an Romano zeigt zumindest, dass der Trend vom blinden Konsum solcher Nachrichten weg geht - möglicherweise hin zu einem etwas stärker hinterfragenden, qualitativ hochwertigerem Ansatz. Man wird sehen, ob der italienische Transfer-Guru sich die Vorwürfe zu Herzen nimmt und seine eigenen Praktiken hinterfragt oder ob der Zauber um Romanos Allwissenheit endgültig und für allemal verflogen ist.
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